BMW
Neue Route

Deutschlands erfolgreichster Autobauer hat ein Problem: Große Sprünge sind auf den ersten Blick nicht mehr drin.BMW-Chef Norbert Reithofer will das Gegenteil beweisen und stellt den gesamten Konzern auf den Prüfstand.Selbst eine Allianz mit dem Erzrivalen Mercedes ist möglich.
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Eine dünne, waagerechte, blaue Linie treibt Michael Ganal Sorgenfalten auf die Stirn. Der Marketing- und Vertriebsvorstand von BMW hat sie mit Kugelschreiber auf ein A4-Blatt gezeichnet. Darunter kritzelt er "130 g CO2": 130 Gramm des Treibhausgases Kohlendioxid pro Kilometer - diese Grenze sollen europäische Autos nach den Vorgaben der EU-Kommission bis zum Jahr 2012 unterschreiten. Ganal macht mit dem Kugelschreiber einige Punkte oberhalb der Linie und ein paar darunter. "Da stehen unsere Autos heute", sagt er. Und schweigt erst einmal. "Doch es gibt einige", fährt er fort, "Wettbewerber, die überwiegend kleinere Autos bauen, und auch Politiker, die wollen am liebsten, dass alle Fahrzeuge künftig nur noch da unten zu finden sind." Er malt Punkte, weit unter der Linie. "Und das geht nicht!"

Der 52-Jährige setzt den Stift ab, lehnt sich zurück und kommt richtig in Fahrt. "Die Linie muss diagonal verlaufen und im Durchschnitt sollen 130 Gramm erreicht werden. Nur das verträgt sich mit einer pluralistischen Gesellschaft. Andernfalls könnten Sie genauso gut großzügige Altbauwohnungen verbieten, weil Sie mehr Energie zum Heizen brauchen. Oder Sie können die Quadratmeter-Anzahl Wohnraum pro Person reglementieren und Urlaubsreisen mit dem Flugzeug verbieten. Aber was bleibt dann noch vom Individuum? Und was kommt als Nächstes?"

Was kommt als Nächstes? Wie soll BMW in Zukunft aussehen? Wie reagieren die Münchner auf das wachsende Umweltbewusstsein der Kunden und auf den demografischen Wandel? Was lässt sich mit den Marken BMW, Mini, und Rolls-Royce, die für Premiumkarossen stehen, noch alles anstellen? Woher sollen künftig Wachstum und höhere Gewinne kommen? Kann BMW als mittelgroßer Autobauer überhaupt allein überleben, muss er sich mit einem anderen zusammentun - oder gar eine Marke übernehmen? Selbst diese heikle Frage debattiert der Vorstand zurzeit.

So ziemlich alles steht zur Diskussion. Erstmals seit sieben Jahren überprüft die Konzernspitze die Strategie bis ins kleinste Detail. "Strategieprozess 2018" nennt sich ganz schnörkellos die streng geheime Veranstaltung, zu der sich BMW-Chef Norbert Reithofer und seine fünf Vorstandskollegen seit Januar regelmäßig im oberbayrischen Dörfchen Gmund am Tegernsee treffen.

Im Spätsommer soll klar sein, was aus BMW in den kommenden Jahren wird. Ein Ausstieg aus dem Premiumsegment kommt für die Marke, zu der auch Mini und Rolls-Royce gehören, nicht infrage - sonst wird in München derzeit explizit nichts ausgeschlossen. Schon jetzt zeichnen sich einige grobe Linien ab: eine engere Zusammenarbeit mit Daimler etwa. Sicher scheint auch, dass der Konzern seinen öffentlichen Auftritt mehr in Richtung Umwelt- und Effizienzthemen lenken wird. Und dass BMW künftig wohl wichtige Schlüsseltechnologien stärker in Eigenregie entwickelt, statt Zulieferer zu beauftragen.

Dabei geht es für BMW auch darum, den Investoren wieder eine Perspektive zu eröffnen - und dem Aktienkurs auf die Sprünge zu helfen. Nüchtern betrachtet hat sich das Papier mit einem Kurs von derzeit um die 48 Euro nicht einmal schlecht entwickelt. Doch die Langzeitbetrachtung zeigt: Vor gut fünf Jahren war die BMW-Aktie kaum weniger wert als heute. Der Vergleich mit den direkten Konkurrenten legt offen, dass BMW allen Rekordergebnissen zum Trotz die Investoren nicht so recht begeistern kann. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist mit 9,93 für das Geschäftsjahr 2006 deutlich schlechter als das von DaimlerChrysler (15,1) und Volkswagen (17,08). Und das, obwohl BMW mehr Geld verdient hat als DaimlerChrysler und mehr Autos verkauft als Mercedes und Audi.

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