Bosch und Dieselgate

Der VW-Zulieferer droht, das Vertrauen zu verspielen

Nach VW wird jetzt auch Bosch in den USA wegen des Abgasskandals verklagt. Der Technologiekonzern hält sich bisher öffentlich zurück. Das ist gefährlich: Auch Käufer von Hausgeräten könnten sich abwenden. Ein Kommentar.
Dem Autozulieferer drohen in den USA Strafzahlungen im Rahmen des Abgasskandals. Quelle: dpa
Bosch

Dem Autozulieferer drohen in den USA Strafzahlungen im Rahmen des Abgasskandals.

(Foto: dpa)

Bosch steckt als Lieferant der Steuerungssoftware im Abgasskandal in einem Dilemma. Lieber Geld verlieren als Vertrauen ist einer der Grundsätze die vom Firmengründer Robert Bosch überliefert sind. Doch dieses Mantra könnte beim Dieselgate durchbrochen werden. Am Ende könnte der Konzern sogar beides verlieren: Geld und Vertrauen.

Dieses Risiko sehen die Schwaben derzeit noch nicht klar genug. Es ehrt den Zulieferer zweifellos, dass er den arg gebeutelten Kunden Volkswagen nicht noch zusätzlich belastet. Seit Wochen belässt es Bosch bei dem mageren Erklärungssatz, dass grundsätzlich der Fahrzeughersteller für das System die Verantwortung trägt. Das Signal ist klar und geht nicht nur an VW, sondern auch an alle anderen Kunden: In Krisensituationen stellen wir unsere Geschäftspartner nicht voll an den Pranger.

Martin-Werner Buchenau ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte. Quelle: Andreas Labes
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Martin-Werner Buchenau ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte.

(Foto: Andreas Labes)

Das soll das Vertrauen zu den Autoherstellern erhalten. Es wäre ein Leichtes gewesen, noch einmal klar herauszustellen, dass man VW vor der missbräuchlichen Verwendung der Software gewarnt hätte. So hätte Bosch aus der Schusslinie kommen können.

Aber was ist mit dem Vertrauen der Endkunden? Die Risiken sind groß. Die nur in Medienberichten zu lesende Warnung von Bosch an Volkswagen macht die Schwaben zum Mitwisser: Das ist in den USA ein Grund, angeklagt zu werden – wie jetzt geschehen.

Bei unsicherer Gefechtslage fällt Bosch in fast vergessene alte Muster zurück und verschließt sich. Weit und breit gibt es keinen Mut, das Thema offensiver anzugehen. Und das, obwohl die Solidarität mit dem Kunden spätestens vor den US-Gerichten ein Ende finden wird. Dann, wenn alles ohnehin auf den Tisch muss. Aber Bosch will lieber die Form gegenüber der Autoindustrie wahren, und wird erst auf Druck der Richter reden. Das sieht gegenüber VW besser aus.

Auch wenn der Konzern in der technischen Frage relativ entspannt ist, gibt es gleichwohl Befürchtungen, dass Bosch im US-Rechtssystem zur Kasse gebeten wird. Obwohl eigentlich der Hersteller eines Brotmessers nach deutschem Rechtsverständnis nicht Schuld sein kann, wenn jemand mit dem Messer einen anderen Menschen verletzt. Aber in den USA kann man nie sicher sein, ob auch der Messerhersteller vom Opfer belangt wird. Frei nach dem Motto: Die Messer waren schärfer als zum Brotschneiden nötig, erleichterten die Tat und vergrößerten die Folgen.

Auch bei Bosch sind die Geschäftsmodelle von US-Kanzleien beim Thema Schadenersatz wohl bekannt. Und ob die Loyalität zur Autoindustrie dann immer noch so viel wert ist wie jetzt, wird sich zeigen. Jedenfalls hält Bosch sein Pulver bis dahin trocken. Besonders sicher ist die Strategie aber nicht. Schon jetzt ist das Image des Vorzeigekonzerns in den USA angekratzt.

Das ist gefährlich, denn neben Autoteilen verkauft Bosch auch Elektrowerkzeuge, Hausgeräte und -technik sowie Industrietechnik. Diverse Qualitätsprobleme gab es bereits bei Werkzeugen und Waschmaschinen. Auch um die Qualität von Bremsteilen gibt es eine gerichtliche Auseinandersetzung mit einem Kunden und mit dem britischen Staubsaugerhersteller Dyson streiten sich die Schwaben über die Einhaltung von Verbrauchswerten bei Staubsaugern. Das alles könnte sich zu einem ungewohnt unguten Bild über Bosch zusammenbrauen.

Sollten die US-Gerichte mit ihrer etwas anderen Rechtsauffassung zu dem Ergebnis kommen, dass Bosch doch Mittäter ist, hätte der Konzern sein mit Abstand kostbarstes Gut verspielt: Vertrauen.

Die lange Liste der Offenbarung
Porsche Cayenne Diesel mit 3,0 Liter-V6, Modelljahrgang 2015
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Für manche Nicht-Auto-Experten war es ja überraschend, dass Porsche überhaupt Diesel verkauft. Doch zumindest dieses Modell wird nach den neuesten Vorwürfen in der Abgas-Affäre nun in den USA nicht mehr verkauft. Dies sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, sagte ein Sprecher am 4. November 2015.

Wie die Konzernmutter VW hat Porsche die kürzlich von der US-Umweltbehörde EPA genannten Manipulationen auch größerer Diesel-Aggregate bislang nicht eingeräumt. Noch werden die Vorwürfe geprüft, wobei man mit der EPA kooperiert.

Porsche hat seit dem Jahresbeginn in den USA gut 12.000 Cayennes ausgeliefert, rund 3.000 davon hatten einen Dieselmotor. Die beanstandeten Motoren kommen von Audi.

Porsche Cayenne Diesel mit 3,0 Liter-V6, Modelljahrgang 2015
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Von den Ermittlungen der US-Umweltbehörde EPA sind rund 3.000 Dieselfahrzeuge des Sportwagenbauers Porsche betroffen, dies hat die VW-Tochter bestätigt. Bei den Fahrzeugen handelt es sich um Diesel-Cayennes, die von Januar bis September in den USA ausgeliefert wurden. Das ist knapp ein Viertel aller 2015 in den Vereinigten Staaten an die Kunden übergebenen Cayennes.

Bisher sagte Porsche auf Fragen zu etwaigen Verwicklungen in den Abgasskandal, man habe damit nichts zu tun, auch weil es nur um Vierzylinder-Motoren gehe - so kleine Motoren habe man aber gar nicht im Sortiment.

Unter Verdacht: Ältere 3-Liter-Diesel
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Die US-Umweltschutzbehörde EPA teilte am 20. November mit, Vertreter von VW und Audi hätten erklärt, dass alle in den USA verkauften Autos mit Drei-Liter-Dieselmotoren der Modelljahre 2009 bis 2016 mit einer nicht zugelassenen Software-Funktion zur Abgaskontrolle ausgerüstet seien.

Bis zu diesem Zeitpunkt war nur von rund 10.000 Fahrzeugen der Modelljahre 2014 bis 2016 die Rede gewesen. Nach Angaben der EPA geht es nun um rund 75.000 zusätzliche Fahrzeuge aus den Jahren davor, also insgesamt 85.000 Autos.

Von den neuen Vorwürfen betroffen sind die Audi-Modelle A6, A7, Q5 und Q7 mit dem 3,0-Liter-TDI-Motor der Modelljahrgänge 2009 bis heute.

Angeblich betroffen: Volkswagen Touareg, 3.0 L Diesel V6
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Die amerikanische Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) wirft dem Volkswagen-Konzern vor, nicht nur bei den bisher bekannten Motoren, sondern auch bei 3,0-Liter-V6-Dieselaggregaten die Abgaswerte manipuliert zu haben. Die Motoren werden im VW Touareg (Modelljahrgang 2014) und Porsche Cayenne (Modelljahrgang 2015) sowie in größeren Audi-Modellen des Modelljahrgangs 2016 eingesetzt.

Angeblich betroffen: Audi A8 und A8 Langversion
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Nach Porsche stoppten per Mitteilung vom 4. November auch Audi und Volkswagen den Verkauf von V6-TDI-Dieseln in den USA. Betroffen sind unter anderem die Audi-Modelle A6, A7 und A8 sowie die Geländewagen Q5 und Q7 mit TDI-Motor. Bei Volkswagen ist der VW-Touareg betroffen.

Die Marken reagieren damit auf den Vorwurf, auch bei dem großen Dieselmotor die Abgaswerte manipuliert zu haben. Der VW-Konzern bestreitet den Vorwurf, da es sich um ein gängiges und legales System zur Abgasregulierung handele, das der Konzern bei der Zulassung in den USA aber nicht angegeben habe.

Angeblich betroffen: Audi Q5
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Die amerikanische Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) wirft dem Volkswagen-Konzern vor, nicht nur bei den bisher bekannten Motoren, sondern auch bei 3,0-Liter-V6-Dieselaggregaten die Abgaswerte manipuliert zu haben. VW wies die Behauptung zurück. Die Motoren werden bei Audi im A6 quattro, A7 quattro, A8, A8L und Q5 des Modelljahrgangs 2016 eingesetzt.

Betroffen: Audi A6 quattro
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Die amerikanische Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) wirft dem Volkswagen-Konzern vor, nicht nur bei den bisher bekannten Motoren, sondern auch bei 3,0-Liter-V6-Dieselaggregaten die Abgaswerte manipuliert zu haben. VW wies die Behauptung zurück. Die Motoren werden bei Audi im A6 quattro, A7 quattro, A8, A8L und Q5 des Modelljahrgangs 2016 eingesetzt.

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