Boykottdrohungen gegen EADS
Armenier-Streit gefährdet Eurocopter-Auftrag

Der Streit um die Armenier-Verfolgungen im Osmanischen Reich könnte den europäischen Rüstungskonzern EADS einen Milliardenauftrag der Türkei kosten. Die EADS-Tochter Eurocopter hofft auf den Zuschlag für die Lieferung von rund 90 Kampfhubschraubern. Über die Vergabe des auf zwei Mrd. Dollar geschätzten Auftrags will die türkische Regierung im Juni entscheiden. Doch jetzt droht den an EADS beteiligten Franzosen wegen der Armenier-Kontroverse ein Boykott.

ANKARA. Die französische Nationalversammlung beginnt am Donnerstag mit der Debatte über einen Gesetzentwurf, der das Leugnen eines Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellen soll. Das geplante Gesetz belastet die Beziehungen zwischen Ankara und Paris. Der türkische Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer warnte vergangene Woche seinen französischen Kollegen Jacques Chirac bereits vor „ernsten Konsequenzen“, wenn das Gesetz verabschiedet werde.

Die Kontroverse sorgt seit Jahren immer wieder für Spannungen zwischen der Türkei und anderen Staaten. Nach armenischer Darstellung, die von den meisten internationalen Historikern geteilt wird, fielen in den Jahren 1915 bis 1923 im Osmanischen Reich rund 1,5 Armenier systematischen Verfolgungen zum Opfer. Die Türkei bestreitet das. Nach offizieller türkischer Darstellung kamen in jenen Jahren etwa 300 000 Armenier um, durch Krankheiten und Kriegswirren, wie es heißt.

Jetzt drohen im Verhältnis zu Frankreich wegen des geplanten Gesetzes zum Armenier-Genozid ernste Konsequenzen. Ministerpräsident Tayyip Erdogan traf sich vergangene Woche in Ankara mit Vertretern großer französischer Investoren und warnte, eine Verabschiedung des Gesetzentwurfs könne „ernste Schäden“ nach sich ziehen. Türkische Verbände und Gewerkschaften rufen bereits nach Sanktionen: Französische Waren müssten boykottiert werden, fordert Ahmet Aksu, der Vorsitzende der einflussreichen Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes.

Schon 2001, als die französische Nationalversammlung in einer Resolution die Armenier-Verfolgungen als Genozid anerkannte, stornierte die Türkei Rüstungsaufträge in Frankreich. Jetzt könnte der Streit Eurocopter bei der Bewerbung um den Kampfhubschrauber-Auftrag aus dem Rennen werfen. Eurocopter entstand 1992 aus der Fusion der Hubschrauber-Sparten von Daimler-Aerospace und der französischen Aerospatiale-Matra. Das Unternehmen gehört heute zu EADS. Der französische Staat hält etwa 15 Prozent, Daimler 30 Prozent an EADS.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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