Steuernachforderungen, Umweltprüfungen, Spionage: Der Fall des russisch-britischen Ölkonzerns TNK-BP könnte der letzte zur staatlich gelenkten Neuordnung der russischen Ölindustrie sein - und es ist ein besonders komplizierter. Schließlich geht es nicht nur um die Interessen des Kreml und eines ausländischen Investors. Auf dem Spiel stehen auch die Interessen dreier mächtiger Oligarchen.
LONDON/MOSKAU. Der russisch-britische Ölkonzern TNK-BP macht Schlagzeilen. Hat der Kreml schon wieder die Finger im Spiel, weil solche Gemeinschaftsfirmen nicht mehr in das Selbstverständnis des "neuen" Russlands passen? Werden die Briten, wie andere Investoren zuvor, herausgedrängt? Vielleicht nimmt der Fall TNK-BP aber auch eine Wendung. Denn seit Mittwoch regiert ein neuer Präsident im Kreml. Mit Dmitrij Medwedjew, so hoffen Beobachter, hat der Konfrontationskurs gegen Auslandsinvestoren im Ölgeschäft ein Ende.
Der Fall TNK-BP könnte der letzte zur staatlich gelenkten Neuordnung der russischen Ölindustrie sein, er ist auch besonders kompliziert. Schließlich geht es nicht nur um die Interessen des Kreml und eines ausländischen Investors. Auf dem Spiel stehen auch die Interessen dreier mächtiger Oligarchen.
Russischen Medien spekulieren derzeit vor allem über eine Lösung bei TNK-BP: Noch in diesem Jahr verkaufen die russischen Anteilseigner Wiktor Wekselberg, Leonid Blawatnik und Michail Fridman ihre Anteile an Gazprom. BP
wiederum lässt bei der auf 20 Mrd. Dollar veranschlagten Transaktion dem staatlich kontrollierten Gaskonzern eine knappe Mehrheit, so dass die Optik gewahrt ist. Russland hat wieder das Sagen.
Bisher dementieren alle Seiten ausdrücklich, dass es formale Verhandlungen gibt. "Der Markt erwartet aber, dass es zu einer Restrukturierung bei TNK-BP kommt", sagt Christopher Weafer, Chefstratege bei Russlands zweitgrößter Privatbank Uralsib. An eine schnelle Lösung glaubt er indes nicht: "Denn BP
will etwas Substanzielles zurückbekommen." Weafer sieht den Multi in einer guten Position. Schließlich war es Präsident Wladimir Putin, der 2003 dem Joint Venture seinen Segen gab.
Rund sieben Mrd. Dollar steckte der britische Ölkonzern damals in das Russland-Engagement - eine der größten ausländischen Investitionen überhaupt. Sie hat sich bisher mehr als ausgezahlt - für alle Beteiligten. Rund ein Viertel der Öl- und Gasreserven verdankt BP
dem Gemeinschaftsunternehmen, sowie ein Viertel der täglichen Produktion von 3,8 Mill. Barrel (je 159 Liter). Das Joint Venture machte im vergangenen Jahr rund 15 Prozent des BP
-Reingewinns von 22 Mrd. Dollar aus. Analysten schätzen die Rendite auf bis zu 15 Prozent. Insgesamt hat der Konzern 15 Mrd. Dollar in die russischen Öl- und Gasfelder gesteckt, die zu einem großen Teil als "reif" gelten und daher den Einsatz modernster Fördertechnik verlangen. Auch der russische Staat, der die Ölindustrie mit einer gewaltigen Steuerlast schröpft, ist nicht zu kurz gekommen: Gut 70 Mrd. Dollar habe TNK-BP dem Fiskus eingebracht, heißt es bei den Briten. "Wir haben unseren Willen demonstriert, in dem Rahmen zu arbeiten, den uns die russische Regierung steckt", erklärte TNK-BP-Chef Robert Dudley im Februar. Er sei bereit, mit Gazprom und Rosneft zu kooperieren.
Mit dem staatlichen Ölkonzern Rosneft pflegt BP
eine besondere Verbindung. BP
kaufte für eine Mrd. Dollar Rosneft-Aktien, als der Konzern vor zwei Jahren an die Londoner Börse ging. TNK-BP half zudem bei einer undurchsichtigen Auktion von Yukos-Töchtern aus. Erst beteiligte man sich daran, um nachher Rosneft den Vortritt zu lassen - was beide natürlich vehement bestreiten.
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Rosneft und Gazprom gehören zwar dem gleichen Staat, doch um die Konzerne haben sich unterschiedliche Gruppen im Machtgefüge des Kremls platziert. So wird der Rosneft-Aufsichtsrat vom einflussreichen Vize-Chef der Präsidialadministration, Igor Setschin, kontrolliert. Diesem schreiben Beobachter eine zentrale Rolle bei der Zerschlagung des Ölkonzerns Yukos zu. Schon damals geriet Setschin mit dem heutigen Präsidenten Medwedjew, zugleich Gazprom-Aufsichtsratchef, aneinander.
Medwedjew hatte einige kritische Anmerkungen über das Vorgehen gegen Yukos fallen lassen, war aber offenbar auch daran interessiert, die lukrative Beute für Gazprom zu sichern. Ein Teil der Schwierigkeiten, mit denen sich TNK-BP heute konfrontiert sieht, könnte auch damit zusammenhängen, dass hinter den Kulissen bereits darum gerungen wird, welche Gruppe den Zuschlag bekommt, vermuten Analysten.
Als ein weiterer Unruheherd gelten die russischen Aktionäre, von denen Fridmans Alfa-Gruppe ein Viertel an TNK-BP hält und Wekselbergs Renova sowie Blawatniks Access jeweils 12,5 Prozent. Seit Ende 2007 die Sperrfrist für Änderungen in der Aktionärsstruktur abgelaufen ist, wechseln die Berichte darüber, welcher der Oligarchen bereit wäre, seinen Anteil zu verkaufen. Alle bestreiten, aussteigen zu wollen. Einzig Wekselberg hat das durchblicken lassen - vorausgesetzt, der Wert des Unternehmens werde mit 60 Mrd. Dollar bemessen. Analysten wie Pawel Kuschnir von Deutsche UFG sehen TNK-BP derzeit aber maximal bei 40 Mrd. Dollar.
Das Unternehmen selbst gibt sich gelassen: Bei den Schlagzeilen der vergangenen Monate habe es sich um nicht zusammenhängende Einzelfälle gehandelt, erklärt eine Sprecherin. Diese Sichtweise unterstützen westliche Diplomaten: Sie sehen bisher keine Indizien für ein "koordiniertes Vorgehen" gegen den Öl-Konzern. Auch der Uralsib-Stratege Weafer geht derzeit davon aus, dass es zu einer "Verhandlungslösung" kommt.
Womöglich könne ein umfassenderer Deal, der eine breit angelegte Kooperation mit Gazprom einschließe, auch attraktiv sein, sagt ein Londoner Ölmanager. Wichtig sei, dass BP
weiterhin die operative Führung habe.
Zwischen den potenziellen Partnern ist zudem eine wichtige Frage offen: die Zukunft des lukrativen Gasfelds Kowikta, das TNK-BP nach administrativem Druck vor fast einem Jahr an Gazprom hat verkaufen müssen. Das Geschäft ist wegen strittiger Bewertungsfragen immer noch nicht abgeschlossen.
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Yukos: Die Zerschlagung des größten Ölkonzerns, der zum Imperium des inhaftierten Michail Chodorkowskij gehörte, gilt als Beginn der staatlichen Umstrukturierung im Ölsektor. Nach zweifelhaften Steuernachforderungen, Prozessen und undurchsichtigen Auktionen ist Yukos Geschichte. Profitiert hat der einst zweitrangige staatlich kontrollierte Ölförderer Rosneft, der sich fast alle Yukos-Aktiva sichern konnte.
Sibneft: Der Oligarch Roman Abramowitsch hatte rechtzeitig die Zeichen erkannt und seinen Ölkonzern Sibneft nicht in eine Ehe mit Yukos geführt, sondern für 13 Mrd. Dollar an Gazprom verkauft und dem Gasmonopolisten so den Einstieg ins Ölgeschäft ermöglicht.
Sachalin 2: Die Auseinandersetzung um das Förderprojekt unter der Führung von Shell auf der russischen Insel Sachalin war der erste Schlag des Staates gegen die Verträge mit ausländischen Investoren aus den 90er-Jahren. Das technisch anspruchsvolle Projekt - unter anderem das erste Vorhaben in Russland zum Bau einer Anlage zur Gasverflüssigung (LNG) - geriet unter den Druck der Umweltbehörde. Am Ende drohten Lizenzentzug, erhebliche Verzögerungen und Strafen. Das Shell-Konsortium willigte daher ein, die Mehrheit an Gazprom zu übertragen - für einen Freundschaftspreis von 7,4 Mrd. Dollar.
Sachalin 1: Auch Exxon-Mobil ist mit seinem Projekt auf Sachalin in die Schusslinie des Staates geraten. In den Verträgen aus den 90er-Jahren hatte sich das Konsortium das Recht gesichert, die Produktion an Kunden der eigenen Wahl zu verkaufen. Nun verlangt Partner Gazprom, dass Exxon das Gas vollständig für den russischen Binnenmarkt liefert, wo die Abnehmerpreise viel niedriger sind.
Kowikta: Umweltprüfungen und angebliche Verletzungen von Lizenzen führten im vergangenen Jahr dazu, dass TNK-BP einwilligte, seine Mehrheit an dem Gasfeld Kowikta an Gazprom zu verkaufen. Gerichtliche Auseinandersetzungen sowie Bewertungsfragen halten die Abwicklung aber auf.

