Branche will frühere Investitionen in saubere Kraftwerke anerkannt wissen
Chemie pocht auf ihre Vorleistungen

Der von der Europäischen Union (EU) geplante Emissionrechtehandel ist für die chemische Industrie in den vergangenen Monaten zu einem beherrschenden Thema geworden. Sie will die Investitionen in saubere Anlagen, die sie in den vergangenen Jahren im Rahmen ihrer europäischen Umweltinitiative „Responsible Care“ getätigt hat, bei der Zuteilung der Emissionszertifikate angerechnet bekommen.

abo DÜSSELDORF. „Wir erwarten eine angemessene Berücksichtigung der Vorleistungen, die wir erbracht haben“, sagt ein Sprecher der Bayer AG. Im Rahmen von „Responsible Care“ hatte die Branche sich 1990 verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2010 um die Hälfte zu verringern. 1999 stießen die Kraftwerke der Chemie nur mehr 44 Millionen Tonnen Kohlendioxyd aus, ein Drittel weniger als zehn Jahre zuvor.

Seither hat beispielsweise BASF ihre Emissionen um weitere 16 % verringert. Sie betreibt heute Kraftwerke mit einer Feuerungsleistung von 20 Megawatt und wäre von der EU-Regelung massiv betroffen. Denn eine weitere Reduktion ist erheblich schwieriger zu erreichen und dürfte das Unternehmen teurer kommen als die bisherigen Maßnahmen für saubere Luft über den Schornsteinen.

Werde das heutige Niveau von Kohlendioxydemissionen als Basis für die in den neuen EU-Regeln geforderte Absenkung des Ausstoßes um 21 % herangezogen, sei dies nur mit einem vergleichsweise hohen Kostenaufwand realisierbar, teilte die Münchener Wacker Chemie AG mit.

Über der Strompreis treffen die neuen Spielregeln für Emissionen auch Chemieunternehmen, die ihre Energie zukaufen, wie bei der Degussa AG unterstrichen wird. Nur wenige Unternehmen sehen die kommende Emissionsrechteregelung so gelassen wie die Celanese AG. Man betreibe nur zwei eigene Kraftwerke, welche sie für die Emssionsrechte festgelegten Mindestgröße überschritten.

Voraussetzung ist allerdings, dass die neue Regelung wirklich nur auf größere Anlagen angewandt wird. So hofft man bei Bayer, dass die EU-Regelung sich auf jene Anlagentypen beschränken wird, die wesentlich zum Kohlendioxydausstoß beitragen. „Das sind vor allem die Kraftwerke“, sagte der Sprecher, „Wenn jeder kleine Emissionsträger einbezogen würde, triebe das die Verwaltungskosten enorm in die Höhe, brächte aber wenig für den Umweltschutz.“

Im übrigen verlangt die Branche eine unentgeltliche Zuteilung von Emissionszertifikaten für Altanlagen. Denn dafür, dass deren Schornsteine überhaupt rauchen dürften, zahle man ohnehin schon.

Ungelöst ist auch noch ein weiteres Problem, dass die Chemie als am stärksten globalisierte Branche der Industrie besonders trifft: Nur 6 % jener Emissionsminderungen, die sie mit relativ geringem Aufwand durch Nachrüstung oder Neubau von Energieanlagen an ihren Standorten in der Dritten Welt erzielt, soll sie auf die Emissionen in der EU anrechnen können. „Das unterläuft das Ziel einer kostengünstige Klimavorsorge“, klagt der Verband der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft, in dem die großen Energieverbraucher Deutschlands vereinigt sind.

Bei alledem müsse möglichst schnell Planungssicherheit her, verlangt man unter anderem bei Degussa. So fällt auf, dass nicht ein größeres Chemieunternehmen derzeit schon absehen kann, ob es mit seinem aktuellen Umweltstandard bei Beginn des Emissionsrechtehandels 2005 auf der Käufer- oder Verkäuferseite für Emissionsrechte stehen werde.

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