Branchen im Wachstumscheck Im Mittelfeld des Automarkts wird es eng

Die Autoindustrie hat in Deutschland eine besondere Bedeutung. Sie ist mit einem Jahresumsatz von mehr als 170 Mrd. Euro und einer Beschäftigtenzahl von insgesamt 750 000 der größte Industriezweig des Landes. Doch die Vorzeigebranche wird in den nächsten Jahren noch stärker durchgerüttelt als bisher. Sind die deutschen Premiumhersteller vorbereitet?
Produktion bei Audi: Weltweit spielen deutsche Autohersteller keine dominierende Rolle. Foto: ap

Produktion bei Audi: Weltweit spielen deutsche Autohersteller keine dominierende Rolle. Foto: ap

FRANKFURT. Das Lob kam von höchster Stelle. Als „kraftvollen Motor für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland“ würdigte Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung der Autoshow IAA die Autoindustrie. Die Regierung weiß, was sie an der Autoindustrie hat. Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland ist direkt oder indirekt mit der Branche verbunden.

In der Tat: Die Autoindustrie hat in Deutschland eine besondere Bedeutung. Sie ist mit einem Jahresumsatz von mehr als 170 Mrd. Euro und einer Beschäftigtenzahl von insgesamt 750 000 der größte Industriezweig des Landes. Doch die Vorzeigebranche wird in den nächsten Jahren noch stärker durchgerüttelt als bisher. Neue Wettbewerber aus den Schwellenländern, die Klimadebatte und die Krise der US-Hersteller sorgen dafür, dass sich die Kräfteverhältnisse verschieben. Das machen Analysen des Handelsblatts und von A. T. Kearney deutlich.

Nach einer längeren „Ruhephase“ überschlagen sich zurzeit die Meldungen zu potenziellen Übernahmen auf der einen und Verkäufen und Abspaltungen von Unternehmensteilen auf der anderen Seite. „Die Industrie konzentriert sich mittelfristig neu“, erläutert Nikolaus Soellner, Partner und „Practice Leader Automotive“ bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Der neue Marktführer Toyota wachse überdurchschnittlich stark, Porsche stehe vor der Übernahme von Volkswagen, Daimler sortiere sich nach der Trennung von Chrysler neu und BMW überdenke seinen Masterplan bis zum Jahr 2018.

Zugleich drängten neue Wettbewerber in den Markt: Die indische Tata-Gruppe wächst im globalen Vergleich bei Absatz und Wert am stärksten. In China entsteht ein neuer Gigant durch die Kooperation von Saic und Nanjing. Durchaus möglich also, dass die zum Verkauf stehenden Ford-Luxusmarken Jaguar und Land Rover an einen chinesischen oder indischen Hersteller gehen könnten. „Es herrscht Aufbruchsstimmung – die gesamte Branche steht am Beginn einer Neuordnung“, sagt Soellner.

Was bedeutet das für die deutschen Hersteller? Im weltweiten Vergleich entwickelten sie sich in den zurückliegenden Jahren nur durchschnittlich. Keinem einzigen deutschen Hersteller gelang es im Betrachtungszeitraum von 2002 bis 2006, gleichzeitig überdurchschnittliches Wert- und Mengenwachstum zu erzielen. Einzig Porsche konnte durch den Einstieg bei VW seinen Unternehmenswert erheblich steigern, was die Stuttgarter zum einzigen „Value Grower“ der deutschen Autoindustrie macht. „Deutsche Hersteller wie Volkswagen, Mercedes und auch die deutschen Töchter der amerikanischen Hersteller wachsen in den etablierten Märkten Europas und auch in Nordamerika langsamer als insbesondere japanische und koreanische Autobauer“, erläutert Frank Rattey, Automobilexperte bei A.T. Kearney.

Die deutschen Hersteller spielen zwar eine wichtige Rolle in der weltweiten Automobilindustrie – allerdings keine dominierende. Im globalen Größenvergleich nehmen sie – gemessen am Absatz – nur einen Platz auf den hinteren Plätzen ein. Auf den Toppositionen rangieren Toyota, General Motors, Ford, Renault-Nissan – gefolgt von Volkswagen. Die Wolfsburger haben nach Ansicht der Berater als einer von drei Konzernen neben GM und Toyota das Zeug dazu, bis 2020 unter die Top Drei der Branche mit einem Absatz von rund 15 Mill. Fahrzeugen vorzustoßen.

Eines der entscheidenden Wachstumsfelder für die Branche wird in den kommenden Jahren das Segment der sogenannten Ultra Low-Cost-Cars sein, also Autos mit einem Preis von deutlich unter 6 000 Dollar. Dieses Segment wird wegen der zunehmenden Motorisierung der Schwellenländer die größten Wachstumsraten bieten. Zugleich stellt es die Autobauer aber auch vor neue Herausforderungen.

Fast alle großen Autokonzerne wollen in den nächsten Jahren mit neuen Kleinstwagen vorfahren: Volkswagen zeigte eine entsprechende Studie bereits auf der IAA unter dem Namen „Up“. Hersteller wie Renault mit der Marke Dacia sowie der italienische Autobauer Fiat mit seiner Kooperation mit Tata aus Indien sind bereits einen Schritt weiter: Sie sind oder werden demnächst mit günstigen Fahrzeugen in Low-Cost-Märkten präsent sein. Laut Studien der Boston Consulting Group entfielen 2005 rund ein Viertel des Weltmarkts von 51 Mill. verkauften Autos auf Kleinwagen. Im Jahr 2015 werde es bereits ein Drittel sein.

Das Käuferverhalten wird in den kommenden Jahren dazu führen, dass sich die Branche weiter polarisiert. Kunden werden in Zukunft sehr viel stärker nach Premiummarken einerseits und günstigen Massenprodukten andererseits greifen.

Marken wie Ford, Opel, Peugeot oder Renault, die für das traditionelle Mittelfeld des Automobilmarktes stehen, werden es laut den Beratern von A.T. Kearney in Zukunft schwerer haben. „Volumenhersteller mit unklarer Markenpositionierung geraten unter Druck.“ Die deutschen Autobauer Audi, BMW, Mercedes und teilweise auch VW verfügten dagegen über eine vergleichsweise gute Position.

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