Brasilien
Boomland mit Macken

Die Infrastruktur von Brasilien ist schon heute überlastet. In zwei Jahren kommt die WM ins Land - genau darauf setzen die Infrastruktur-Konzerne. Die Produktionsstandorte kämpfen aber mit einer Vielzahl von Problemen.
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Sao PaoloDie tägliche Fahrt zur Arbeit ist für viele Menschen in der brasilianischen Metropole Sao Paolo schon an normalen Tagen quälend. Als vergangene Woche auch noch die U-Bahnfahrer streikten, ging gar nichts mehr: Auf 249 Kilometern stauten sich die Autos. An einem Busbahnhof musste die Polizei Tränengas gegen randalierende Passagiere einsetzen.

Der Vorfall zeigt eine der Schwächen von Metropolen im Boomland Brasilien auf: Bei der Infrastruktur gibt es zwei Jahre vor der Fußball-WM und vier Jahre vor den Olympischen Spielen im Land enormen Nachholbedarf. Fällt ein Rädchen aus - wie jetzt die U-Bahn - geht nichts mehr. 14 Flughäfen gelten als kritisch, die durchschnittliche Auslastung liegt bei 187 Prozent. Um ein ähnlich gutes U-Bahn-Netz wie in Mexiko-Stadt zu haben, müssten in Brasiliens Städten 600 Kilometer neue Linien unter der Erde gebaut werden.

Kein Wunder, dass sich die Infrastrukturkonzerne große Hoffnungen auf eine Auftragsflut aus Brasilien und Südamerika machen. "Dieser Markt ist für uns so wichtig wie China", sagt Siemens-Vorstand Peter Solmssen. Er will den Umsatz in Brasilien - siebtwichtigster Markt für Siemens - bis 2017 auf mehr als fünf Milliarden Dollar verdoppeln. Zudem kündigte er an, in den nächsten fünf Jahren bis zu einer Milliarde Dollar in Brasilien zu investieren - 400 Millionen Dollar mehr als bislang geplant.

Die Entscheidung wurde, räumt Solmssen ein, im Vorstand lange diskutiert. Denn der Wachstumsmarkt Brasilien sieht zwar verlockend aus: Von 2003 bis 2010 wuchs die Wirtschaft jährlich um im Schnitt vier Prozent. Die weltweite Konjunkturabkühlung sorgte 2011 für eine Delle, aber nun will das Land wieder zu den alten Wachstumsraten zurückkehren.

Doch der Weg dahin wird schwer, selbst mit dem Rückenwind von Fußball-WM und Olympia. Ausländische Konzerne kritisieren die Standortbedingungen: hohe Steuern, steigende Löhne, negative Wechselkurseffekte. Brasilien hat zwar den Sprung unter die größten Wirtschaftsnationen der Welt geschafft. Doch setzte das Land stark auf Rohstoffreichtum und privaten Konsum. Nun müsste der nächste Schritt hin zu Exportorientierung und Hightech-Produkten folgen. Doch da hinkt Brasilien gerade manch asiatischem Konkurrenten hinterher.

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  • Bei den allgemeinen Lebensbedingungen in Südamerika und auch Brasilien steigende Löhne einem wirtschaftlichen Hindernis gleichzustellen ist wieder ein schönes Beispiel dafür, wie schwer es Ökonomen manchmal fällt, den Bezug zur Realität zu wahren.

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