Brasilien
Öl: Senhor Lulas schwarzer Daumen

Verstaatlichen? U-Boote kaufen? Schulen bauen? Brasilien streitet über die Milliarden, die der neue Ölreichtum dem Land bringen soll. Vor allem Präsident Lula hat große Pläne. Und der Ölkonzern Petrobras gerät immer mehr in die Defensive.

RIO DE JANEIRO. Die Sirene heult: Schichtende. Aus der Ölbohrinsel so groß wie ein Hochhauses strömen Arbeiter wie Ameisen aus ihrem Bau: Graue, blaue, grüne und rote Uniformen unterscheiden Monteure, Schweißer, Elektriker und Feuerwehrleute. Wenn sich die Tagesschicht mit der Nachtschicht mischt, sieht die Ansammlung der rund 4000 Werktätigen aus wie eine Szene aus einem sowjetischen Arbeiterheldenfilm.

Schon zweimal war Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hier in der Werft von Angra. Das Rednerpult hat man gleich stehen lassen. Wenn die Bohr-Plattform zu Jahresende zu ihrem Bestimmungsort 170 Kilometer vor der Küste ausläuft, um Öl zu fördern, wird Lula wieder reden – und wohl wieder sagen, was er seit Monaten landauf, landab verkündet, wenn er Raffinerien einweiht, Bohrinseln tauft oder wie am Dienstag dieser Woche triumphierend kleine Ölfässchen in die Höhe reckt: „Unter meiner Regierung sollen erstmals alle Brasilianer von den Reichtümern des Landes profitieren und nicht nur eine Minderheit.“

Solche Sätze hört José Sérgio Gabrielli im 150 Kilometer entfernten Rio de Janeiro nicht gern. Dort, in einem futuristischen Würfelbau in der City, hat Petrobras seinen Sitz, der mit 205 Milliarden Dollar Börsenwert elftgrößte Konzern der Welt. Gabrielli ist dessen Chef. Doch das Sagen über Gabriellis Geschäft mit Öl, Gas, Ethanol und Biodiesel hat mehr und mehr ein anderer: Präsident Lula.

Der beherrscht die Debatte darüber, wer Brasiliens zukünftigen Ölreichtum ausbeuten darf und was mit den Milliardeneinnahmen geschieht. Und der Weltkonzern Petrobras droht wieder zu dem zu werden, was er schon einmal für lange Zeit war: ein Spielball der Politik. Dabei ist Petrobras-Chef Gabrielli Mitglied der Arbeiterpartei, wie sein Präsident. Doch bei seinem Duell gegen Lula dürfte es nur einen Sieger geben: Lula.

Ende vergangenen Jahres begann die große Gier in Brasilien zu wuchern. Da entdeckte Petrobras – kurz für „Petroleo Brasileiro“ – 300 Kilometer vor der Küste Brasiliens große Ölvorkommen. Im Fördergebiet „Tupi“ sind bis zu acht Milliarden Barrel (159 Liter) Öl nachgewiesen. Allein die würden Brasiliens Reserven um die Hälfte erhöhen. Doch die Vorkommen insgesamt dürften weit größer sein: Bei 18 Probebohrungen in Tiefen ab 6000 Meter unterhalb der Meeresoberfläche hat Petrobras noch mehr Öl gefunden. Banken schätzen die Vorkommen auf 70 Milliarden Barrel. Damit würde Brasilien in einer Liga mit Ölexporteuren wie Saudi-Arabien spielen.

Seither überbieten sich Brasiliens Politiker mit Plänen, wie die Ölmilliarden auszugeben seien: Von neuen Schulen bis zu Atom-U-Booten für die Marine ist fast alles dabei. Energieminister Edison Lobão, ein 71-jähriger politischer Fuchs, der seine politische Karriere in einem der ärmsten Bundesstaaten des Nordostens gemacht hat, hat gar vorgeschlagen, einen neuen Staatskonzern zu gründen, der Ölvorräte verwalten soll. „Nach dem Vorbild Norwegens“, sagt Lobão treuherzig.

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