Brasilien und Venezuela spannen Produzenten für sozialpolitische Ziele ein
Südamerikas Regierungen nehmen Ölkonzerne wieder an die Leine

Die Ölindustrie in Südamerika steht vor einer Reihe von Umstrukturierungen. Die hohen Ölpreise veranlassen die Regierungen, die Konzerne wieder stärker unter ihre Kontrolle zu bringen.

BUENOS AIRES/SÃO PAULO. Wo der Energiesektor in den neunziger Jahren am stärksten liberalisiert und geöffnet wurde, wechseln die Staaten die Strategie. Argentinien etwa hat einen neuen staatlichen Ölkonzern gegründet; Bolivien will seine staatliche Ölgesellschaft wieder ins Zentrum der Politik rücken. In Brasilien und Venezuela spannen die Präsidenten die Staatskonzerne für industrie- und sozialpolitische Ziele ein. Kolumbien und Ecuador versuchen hingegen, die Unternehmen für ausländische Investoren zu öffnen.

Dass Südamerikas Ölindustrie unter der Kontrolle der Regierungen allerdings auch die Produktion ausweiten kann, ist eher unwahrscheinlich. „Der Staat hat in Südamerika gezeigt, dass er im Energiesektor sowohl als Produzent als auch als Kontrolleur unfähig ist“, sagt der Argentinier Daniel Montamat, Ex-Präsident des Ölkonzerns YPF. Montamat spricht aus Erfahrung: Als Staatskonzern deckte YPF jahrzehntelang nur knapp den Bedarf des Landes – zu immensen Kosten. Dann wurde YPF privatisiert, und kurz darauf konnte Argentinien Öl exportieren. Ähnlich in Bolivien: Die gigantischen Gasreserven der staatlichen YPFB wurden erst nach der Privatisierung entdeckt.

Je direkter der Eingriff des Staates wird, um so größer ist zudem die Gefahr, dass die Regierungen den Konzern politisch führen. So musste die brasilianische Petrobrás gerade ihre Expansionspläne bis 2010 kürzen, weil der Konzern weniger Ressourcen in die Erschließung neuer Ölfelder investieren kann. Stattdessen muss das Unternehmen dem Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva als Motor für die Industrie- und Beschäftigungspolitik dienen und mit nationalen Aufträgen für Plattformen und Tankschiffe die marode Werftindustrie beleben.

Ähnlich in Venezuela: Präsident Hugo Chávez tauschte vor einem Jahr das Management des Staatskonzerns PdVSA aus, um direkt über die Einnahmen und Investitionen des weltweit viertgrößten Ölkonzerns entscheiden zu können. Jetzt muss PdVSA landwirtschaftliche Milliardenprojekte fördern. Der Konzern ist nur noch ein Schatten seiner selbst: Er fördert heute mit 1,6 Mill. Barrel pro Tag (ein Barrel fasst 159 Liter) weniger Öl als bei seiner Verstaatlichung 1976 – vor allem wegen fehlender Investitionen.

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