Brasilien
VW steht mit dem Rücken zur Wand

Der starke öffentliche und politische Protest gegen die Entlassungspläne hat VW in Brasilien zurück an den Verhandlungstisch gezwungen. VW wolle die Pläne, im größten Werk Anchieta 3 600 der rund 12 000 Stellen zu streichen, noch einmal überdenken, teilte die Gewerkschaft mit. Doch das VW-Management hat kaum Spielraum. Eine Analyse.

hof DÜSSELDORF. Wenn ein ausländischer Konzern Massenentlassungen ankündigt, dann besteht immer die Gefahr, dass die Aktion zum Politikum wird. Dies gilt umso mehr, wenn das Land wie Brasilien eine sozialistische Regierung hat, dessen Regierungschef ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär ist, und der Konzern so symbolträchtig ist wie VW.

Die Wolfsburger waren einer der ersten Konzerne der Branche, die in Brasilien im großen Stil investiert haben, VW galt mit seiner auch in Deutschland praktizierten Konsenspolitik zwischen Management und Gewerkschaft als besonders systemkompatibel. Dass unter dem Druck eines aufgelaufenen Milliardenverlustes in den vergangenen Jahren nun auch in Brasilien ein ganz anderer Ton herrscht, versetzte Brasilien in einen Schockzustand. Die Politik legte Kredite an VW auf Eis, die Medien hetzten gegen den Konzern, der trotz steigender Gewinne Entlassungen durchdrücken will, die Gewerkschaften stilisierten VW zum Sündenfall hoch. Gegen diese geballte und geschlossene gegnerische Front hatte das Management kaum eine Chance.

Dabei hat sich an den Grundlagen für die Personalreduzierung nichts geändert: VW hat in Brasilien 6 000 Leute zu viel an Bord, das Unternehmen hat im Vergleich zum Wettbewerb zu hohe Kosten, die Produktionskapazitäten sind für die Inlandsnachfrage deutlich überproportioniert, die Aufwertung der braslianischen Währung Real macht einen profitablen Export weitgehend unmöglich. In der Konsquenz heißt das, VW hat keine Alternative zum Personalabbau. Die Ankündigung, die Pläne zu überdenken, sind daher eher rhetorischer Natur.

Nach dem Streik braucht die Gewerkschaft eine Erfolgsmeldung. Am Ende der nun eingeleiteten Deeskalation wird also ein Kompromiss stehen: Entweder wird VW die Entlassungen zeitlich strecken oder, was wahrscheinlicher ist, sie werden die Konditionen für Abfindungen – wie auch zuletzt in Deutschland – deutlich verbessern.

Bislang orientierte sich das Management an dem Verhandlungsergebnis, das vor Wochen bereits im brasilanischen Schwesterwerk Taubate erzielt worden ist: Dort gab es für 700 Beschäftigte, die das Unternehmen verlassen mussten, je 0,4 Monatsgehälter pro Jahr Betriebszugehörigkeit.

Der Kompromiss in Anchieta wird für den Konzern teurer werden. Doch selbst eine Aufstockung des Angebots werden die finanziellen Prognosen von VW nicht gefährden. Nicht von ungefähr hat VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder dabei nach dem Vorsichtsprinzip gehandelt: Ein besseres Ergebnis als im Vorjahr hat er versprochen – und zwar vor Sondereinflüssen wie Restrukturierungskosten. Das wird der Konzern auf jeden Fall erreichen.

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