Bremsspuren inzwischen auch in den Bilanzen sichtbar
Schweizer Uhrenmarkt tickt nicht mehr richtig

„Die Deutschen“, schmeichelt Franz Türler, „haben einen guten Geschmack.“ Der Schweizer Juwelier und Uhrenverkäufer kennt sich aus mit seiner Kundschaft. Seit einem halben Jahrhundert empfiehlt er vor allem deutschen Kunden in seinem Geschäft am Flughafen Zürich und in seiner Berliner Dependance den passenden Zeitmesser fürs Handgelenk. Doch Türler hat in diesem Jahr ein Problem: Die Uhrenindustrie – nach den Maschinenbauern und der chemischen Industrie die drittgrößte Exportbranche der Schweiz – muss herbe Rückschläge verkraften.

ZÜRICH. Zwischen Januar und Mai ist der Export um 6,1 % gesunken. Deutschland ist mit einem Minus von 18,4 % ein besonders heikler Markt geworden.

„Die Uhrenindustrie ist nicht gerade rosig gebettet“, sagt Türler und spricht damit Jean-Daniel Pasche aus der Seele. Pasche ist Sprecher des Verbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie und muss zur Zeit vorwiegend schlechte Nachrichten überbringen. Die Deutschen haben schlicht und einfach keine Lust, für hochwertige Uhren tief in die Tasche zu greifen. Diese Unlust wird nur noch von den Scheichs in Saudi-Arabien übertroffen – dem Land, in dem die Schweizer einen Rückgang von 18,5 % bei den Uhrenexporten verbuchen.

Pasche macht ausschließlich äußere Einflüsse für den Exporteinbruch verantwortlich: den schwachen Dollar, den Irak-Krieg, die Lungenkrankheit SARS.

Von einer strukturellen Krise, wie sie die Schweizer Uhrenindustrie Ende der siebziger Jahre durchlebt hat, will er nichts wissen. Damals war der Absatz vor allem wegen günstiger Uhren „Made in Fernost“ zurückgegangen. Seither haben die Schweizer Uhrenhersteller versucht, ihren Kunden nahe zu bringen, warum eine Schweizer Uhr ein Vielfaches des Preises der fernöstlichen Konkurrenz kosten muss – bis vor Kurzem mit Erfolg. „Wir verlieren keine Marktanteile“, tröstet sich Pasche jetzt.

Die Bremsspuren sind inzwischen auch in den Bilanzen der Firmen sichtbar. Der Luxuskonzern Richemont schockierte die Finanzmärkte mit einem operativen Gewinn, der um 46 % unter dem Ergebnis des Vorjahres lag. Zum Firmenimperium Richemont gehören Marken wie IWC, A. Lange & Söhne und Jaeger-LeCoultre – Namen, die das Herz jedes Uhrenliebhabers schneller schlagen lassen.

Die Swatch Group, deren Reingewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr mit 454 Mill. Schweizer Franken um 2 % unter dem Vorjahr gelegen hatte, konnte bei Uhren übers Jahr gesehen zwar noch leicht zulegen. Swatch musste aber bereits in der zweiten Jahreshälfte feststellen, dass sich der Markt deutlich abgeschwächt hatte. Firmengründer Nicholas Hayek enthielt sich denn auch jeder Umsatz- und Gewinnprognose für das laufende Jahr.

Schlimmer als die großen Konzerne trifft die Krise nach Einschätzung des Uhrenverbandes die kleinen Unternehmen, die das Gros der Schweizer Uhrenindustrie ausmachen. Weniger als zehn der rund 650 Manufakturen in der Alpenrepublik beschäftigen mehr als 500 Mitarbeiter. Die kleinen Betriebe können nur schwer auf andere Märkte ausweichen, deshalb trifft sie die Krise härter.

Verbandschef Pasche rät trotzdem: „Die Marken müssen ihre Märkte stärker diversifizieren.“ Auch in Russland und den EU-Beitrittsländern sei schließlich „langsam, aber sicher“ Geld zu verdienen.

Juwelier Türler hat das längst erkannt. Am Flughafen Zürich will er drei neue Geschäfte eröffnen und hofft, dass dort auch Russen vorbeischauen – mit dem nötigen Kleingeld und Geschmack.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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