Brunello Cucinellii
"Italiens Industrie ist sehr innovativ"

Brunello Cucinelli produziert seit 1978 hochwertige Kaschmirmode, ausschließlich in Italien. Im Handelsblatt-Interview spricht er über die italienische Schuldenkrise und über seinen anstehenden Börsengang.
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Handelsblatt: Herr Cucinelli, warum wollen Sie an die Börse?

Brunello Cucinelli: Um noch internationaler zu sein und damit eines Tages andere Manager dieses Unternehmen führen. Ich bin 58, habe zwei Töchter, glaube aber nicht, dass das Unternehmen vererbt wird, denn man erbt einen Besitz, nicht aber die Fähigkeiten. Ich fühle die moralische Pflicht, an der Börse neue Partner zu finden, die langfristig meine Geschäftspartner werden. Und ich wollte lieber die Börse als Investmentfonds.

Wieso?

Mir gefällt die Idee, dass der Investor ein Geschäftspartner ist, mit dem man lange zusammenarbeitet, Dividenden erwirtschaftet, um zur Würde des Profits zurückzukommen und den Wert des Unternehmens wachsen zu sehen.

Wie weit sind die Vorbereitungen?

Seit Jahresbeginn führe ich das Unternehmen so, als wären wir schon an der Börse. Nicht nach Zahlen, sondern von der Kultur her. Ich bin als Gründer und Eigentümer gewohnt, allein zu entscheiden, das ändert sich nun. Ich will aber keinen Verwaltungsrat, der nur genehmigt, ich will Menschen, mit denen ich diskutieren kann. Im Frühjahr haben wir die Papiere fertig, Merrill Lynch und Mediobanca begleiten mich. Wir planen, ein Drittel des Geschäftswerts zu platzieren. Wenn es der Markt erlaubt, machen wir es, wenn nicht, entscheiden wir etwas anderes.

Welchen Umsatz erwarten Sie für 2011?

246 Millionen Euro.

Prada ist nach Hongkong gegangen, Sie haben sich für Mailand entschieden …

Ich bin Italiener, ich will mein Land unterstützen …

… das aber zurzeit nicht gerade gute Schlagzeilen macht.

Kein Problem. Die italienische Industrie ist nicht wie die Politik. Platon schreibt, respektiere die Gesetze mehr als deine Eltern. Ich will die Gesetze meiner Regierung respektieren. Es ist ein schwieriger Moment in Italien, aber nicht für die Politik, sondern für die Kultur des Landes. Wir haben keinen Respekt vor der Arbeit des anderen. Wir müssen wieder an die großen Ideale glauben.

Was sind die Stärken der italienischen Wirtschaft?

Wir sind die zweitbesten nach euch Deutschen. Wir haben Qualität, haben wunderbare Unternehmen. Die italienische Industrie ist sehr innovativ, zeitgemäß, und ich spreche nicht nur von Mode, auch von Essen oder Mechanik. Dazu kommt, dass die Leute an der Firma hängen, für die sie arbeiten. Das generiert Kreativität

Was ist Luxus?

Luxus ist ein Synonym für große Kunstfertigkeit, Qualität und Kreativität. Aber für mich bedeutet Luxus auch große Exklusivität.

Sie wachsen von Jahr zu Jahr, trotz der Finanzkrise, wegen des Bedürfnisses nach bleibenden Werten?

Es gibt Luxus und Luxus. Der Begriff ist in den vergangenen Jahren verwässert worden, nicht jedes schöne Stück, das in einer schönen Location verkauft wird, ist Luxus. Der wahre Luxus besteht aus künstlerischer Handarbeit, verkauft in exklusiven Verkaufspunkten. Das mache ich.

Wo und wie verkaufen Sie Ihre Kaschmirmode?

Wir haben weltweit 1000 Multibrand-Geschäfte, die 65 Prozent des Geschäfts ausmachen. Und Ende des Jahres werden es 60 Monobrand-Geschäfte sein. Davon gehören uns 22, das neueste eröffnen wir im Dezember in Schanghai.

Wie wichtig ist China?

China ist ein gigantischer Zukunftsmarkt. Heute mache ich dort nur 2,3 Prozent des Geschäfts. Die Herausforderung besteht im Geschmack. In Deutschland verkaufen wir ein Produkt des italienischen Geschmacks, der der deutsche Geschmack geworden ist. Aber die Frage ist: Wie sehen künftig Kollektionen von Modehäusern aus, die in China aktiv sind? Ich meine nicht drei Zentimeter kürzere Ärmel, sondern den Stil. Wenn der Umsatz wichtig wird, besteht die Gefahr, dass die Kollektion „chinesisch“ wird. Wir müssen dahin mit unserem Geschmack, unserer Kultur.

Welche Verbindung haben Sie zu Deutschland?

Das war mein erster Markt, weil dort die Zahlungsmoral gut war. Das war in den 80ern. Heute nennt man mich hier „den Deutschen“. Denn wir haben italienische Kreativität und Elastizität, ihr habt uns Rigorosität gelehrt, präzise und perfekt zu liefern.

Planen Sie Erweiterungen in Deutschland?

Ich will mit meinen bestehenden Kunden wachsen. Kauften sie früher 100 Stücke, kaufen sie heute 200. Ich will nicht mehr Geschäfte. Aber in München möchte ich ein eigenes eröffnen, wir suchen seit Jahren nach einer passenden Location. Vertreten sind wir jetzt in Hamburg und Sylt. Den deutschen Markt halte ich im Moment für den besten, den gesündesten. Und noch eins: Deutschland ist Heimatmarkt für uns, das betrachten wir nicht als Export.

Man bezeichnet Sie als humanistischen Kapitalisten.

Ich habe in meinem Unternehmen versucht, dem Profit Würde und Moral zu geben. Ich bin überzeugter Kapitalist, aber ich glaube, wir brauchen eine neue Form des Kapitalismus. Menschlicher, mit mehr Würde. Ich suche Investoren, die verstehen, dass auch das Ebitda seine Würde hat. Mit dem Profit schaffe ich ein schönes Unternehmen, denn an einem schönen Ort arbeitet man besser, und ich bin der Wächter dessen, nicht der Besitzer. Natürlich bin ich reicher als die anderen, aber ich wohne hier und fühle mich wohl und führe ein normales Leben. Dann will ich, dass meine Angestellten ein bisschen mehr verdienen.

Sie engagieren sich für Kulturdenkmäler …

Ich will die Welt verschönern, deshalb habe ich hier ein Theater gebaut, eine Bibliothek, einen Garten und deshalb habe ich die Restaurierung des 2250 Jahre alten etruskischen Bogens in meiner Heimatstadt Perugia finanziert. Ich bin nicht glaubwürdig, wenn ich nicht wahr bin. Wenn ich an die Börse gehe, möchte ich, dass die Investoren verstehen, dass wenn sie Aktien gekauft haben und eine Dividende bekommen, wissen, dass das Unternehmen einen Teil des Welterbes bewahrt.

Hat jemand wie Sie überhaupt noch Sorgen?

Ja, wo finden wir kundige Hände, die produzieren? Wenn wir nicht die Kultur ändern für die, die für uns arbeiten, sehe ich schwarz. Welcher 22-Jährige arbeitet für 1000 Euro in der Fabrik? Wir müssen moralische und ökonomische Würde in die Arbeitswelt zurückholen. Wenn jemand sagt, Ihre Teile sind sehr teuer, sage ich, da steckt Arbeit drin. Spinoza sagt, ich bin nicht auf die Welt gekommen, um zu richten, sondern um zu wissen.

Herr Cucinelli, ich danke für das Interview.

Regina Krieger
Regina Krieger
Handelsblatt / Korrespondentin

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