Cadbury
Ausverkauf einer britischen Traditionsmarke

Seit der US-Konzern Kraft nach Cadbury greift, sind die Briten in Aufruhr. Noch eine Traditionsmarke droht ans Ausland verkauft zu werden. Protektionistische Parolen sind wieder „in“. Sie zeigen, wie sehr das britische Selbstbewusstsein in der Krise gelitten hat.
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BOURNVILLE/LONDON. Sie kommen immer wieder, diese Fragen, ob sich einige Traditionen in Bournville nicht vielleicht doch überlebt haben. Meist beginnt die Debatte, wenn neue Mieter in eines der Backstein-Häuser mit ihren Erkern, dem Tudor-Fachwerk und den gestutzten Hecken einziehen.

Kürzlich war es wieder so weit, erzählt Wilma Allen. Ein neuer Nachbar wollte eine Solaranlage aufs Dach seines Hauses setzen. „Wir haben lange darüber debattiert“, sagt Allen, 72. Ihr ganzes Leben hat sie in Bournville verbracht, hat in der Schokoladenfabrik gearbeitet, die einst George Cadbury gründete. Allen ist Mitglied in einem Verein, der heute noch über Cadburys Erbe wacht. Ergebnis der Debatte: „Solaranlagen passen nicht zu diesen Häusern“, sagt Allen.

Denn: George Cadbury hätte das sicher auch nicht gutgeheißen.

Schon mit kleinen Veränderungen tun sich die Menschen in Bournville schwer. Sie schicken ihre Kinder auf eine Schule, die Schokoladenbaron Cadbury gegründet hat. Sie lassen es bis heute nicht zu, dass hier Alkohol verkauft wird. Denn George Cadbury lehnte das ab. Wer in einem der Häuser in Bournville wohnt, die Cadbury einst für die Seinen baute, der darf Hecken und Rasen nicht einfach durch einen Autostellplatz ersetzen.

Bournville wirkt so proper, dass es wie ein Verbrechen erscheint, ein Kaugummi aufs Trottoir zu spucken.

Das Städtchen im Süden Birminghams will bleiben, was es seit George Cadbury immer war: heile Gegenwelt zu den Elendsquartieren der industriellen Revolution.

Doch nun droht Bournville eine Veränderung, die sich nicht wegdiskutieren lässt. Cadbury steht im Zentrum einer der ersten großen Übernahmeschlachten seit dem Ausbruch der Finanzkrise. Der Traditionskonzern, der zur britischen Identität gehört wie Clarks-Schuhe und Marks-&-Spencer-Pullover, könnte amerikanisch werden. Der Nahrungsmittelriese Kraft, Hersteller von Scheibletten-Käse und Ketchup, bietet knapp elf Milliarden Euro für das Unternehmen aus Bournville. Bis Anfang nächster Woche muss Kraft seine Offerte den Cadbury-Eignern unterbreiten.

Die unfreundlichen Avancen versetzen die Engländer in Aufruhr. Die britische Seele ist verletzt, und sie reagiert mit protektionistischen Parolen. „Es darf nicht schon wieder ein heimisches Unternehmen in ausländische Hände fallen“, fordern Bürger in Zeitungen und im Internet. Auf Facebook, einem der großen sozialen Online-Netzwerke, hat sich eine Gruppe „Rettet Cadbury!“ gegründet.

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