Carbon
Der Stoff, aus dem die Träume sind

Die Autohersteller müssen dringend das Gewicht ihrer Flotten verringern, um den CO2-Ausstoß zu senken. Darum setzen sie auf ultraleichte und ultraharte Kohlefaser. Doch der Werkstoff offenbart immer wieder seine Tücken.
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Es war Anfang 2002 als VW-Patriarch Ferdinand Piëch seinen Traum präsentierte: Sein Konzern sollte der erste sein, der ein alltagstaugliches, serienreifes Auto baut, das nicht mehr als einen Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht.

Zehn Jahre danach ist Piëch seinem Traum ein Stück näher gekommen: Auf der Volkswagen-Hauptversammlung in Hamburg rollte Aufsichtsratschef Piëch im XL1 vor, einem Prototypen, der mit seinem Elektromotor mit 27 PS und seinem Zwei-Zylinder-Dieselmotor mit 48 PS nur noch 0,9 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen soll. Das Geheimnis des sparsamen Silberpfeils ist sein Gewicht. Anders als seine Vorgänger hat Volkswagen für den XL1 erstmals eine Kleinwagen-Karosserie aus einem Wunderwerkstoff gebaut, der die Autobranche in den kommenden Jahren revolutionieren soll: Carbon.

Bauteile aus ultraleichten Kohlenstofffasern, kurz CFK-Fasern, sind hart wie Diamant, wiegen aber nur halb so viel wie Bauteile mit gleichen Eigenschaften aus Stahl und ein Drittel weniger Bauteile aus Aluminium. Carbon ist der Stoff, der Piëchs Traum wahr machen könnte. „Mit dem XL1 wollten wir zeigen, was alles möglich ist“, erklärt VW-Sprecher Harthmuth Hoffmann. Von der Großserienproduktion ist der Kleinwagen allerdings weiterhin meilenweit entfernt.

Obwohl er in der Praxis kaum eingesetzt wird, beflügelt der schwarz-schimmernde Stoff die Phantasie der Autobauer und Anleger. Ende 2011 war ein Bieterkampf um die Anteile am größten deutschen Carbonhersteller SGL entbrannt - aus dem insbesondere VW und BMW als Gewinner hervorgingen. Obwohl der Gewinn des Carbonherstellers zuletzt um die Hälfte eingebrochen ist, legte die Aktie im vergangenen Monat um rund acht Prozent zu.

Carbon ist ein Renditeversprechen für die Zukunft: In der Luftfahrt, in der Windkraft, aber vor allem im Autobau schlummern riesige Potentiale, prognostizieren die Experten. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass der Markt für ultraleichte Kohlestofffasern jährlich um 20 Prozent wachsen wird. 2030 sollen in diesem Segment 300 Milliarden Euro umgesetzt werden. Die Politik treibt das Wachstum voran: Nach den Vorgaben der EU muss der CO2-Ausstoß von Automobilen bis 2030 im Schnitt auf 95 Gramm pro Kilometer sinken. Dafür müssen die Hersteller das Gewicht ihrer Flotten massiv reduzieren.

Das einzige, was den Siegeszug des Carbons noch aufhalten kann, ist das komplizierte und damit teure Produktionsverfahren: Die Herstellung von CFK-Fasern dauert lange - sie müssen sorgfältig angeordnet, mit Harz aufgefüllt und gebacken werden. Derzeit kostet ein Carbon-Bauteil darum sechsmal so viel wie ein vergleichbares Bauteil aus Stahl. Das oberste Ziel der Autokonzerne ist es darum, die Produktion zu beschleunigen. Gemeinsam mit den Zulieferern hat VW für den XL1 ein Verfahren entwickelt, mit dem die Herstellung eines Carbon-Chassis pro Maschine von 24 Stunden auf eine Stunde reduziert werden konnte. „Das reicht natürlich noch nicht für die Großserie“, so Hoffmann.

Volkswagen verbaut CFK daher vor allem in den Nobelsparten. Die Karosserie des Lamborghini Aventador oder des Bugatti Veyron werden komplett aus dem Werkstoff gefertigt. In der Serienproduktion sei dagegen „das Potential hochfester Stähle und Aluminium noch nicht ausgereizt“, betont VW-Sprecher Hoffmann.

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Der Durchbruch lässt auf sich warten

Kommentare zu " Carbon: Der Stoff, aus dem die Träume sind"

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  • Aber Alu und Stahl können nicht so leicht brennen.

  • Um mich präziser auszudrücken: Es geht um die Gewichte von Carbon-Bauteilen im Vergleich mit Alu-Bauteilen und Stahl-Bauteilen mit gleichen Eigenschaften. Ihre Basisannahmen, die sich rein auf den Kubikdezimeter beziehen sind darum nicht zutreffend. Ich habe den Satz zum besseren Verständnis geändert.

  • Die Zahlen können nicht korrekt sein: Wenn Carbon "halb so viel wie Stahl" wiegen würde, dann wäre es ca. 50% schwerer als Alu !!! Warum sollte man es dann überhaupt verwenden???

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