Carlos Ghosn muss die von Louis Schweitzer hinterlassenen Lücken in der Modellpalette schließen
Kein leichtes Erbe für neuen Renault-Chef

Bei Renault ist eine Ära zu Ende gegangen: Nach dreizehn Jahren an der Spitze des französischen Autokonzerns gab Louis Schweitzer nach der Hauptversammlung am Freitag die Leitung der Generaldirektion ab; er bleibt aber Präsident des Verwaltungsrats.

PARIS. Heute ist der erste Arbeitstag des neuen Präsidenten der Generaldirektion, Carlos Ghosn. Dieser behält gleichzeitig seinen Chef-Job bei Nissan. Renault hält 44,4 Prozent an dem japanischen Autokonzern und Nissan wiederum 15 Prozent an Renault.

Bei seiner Antrittsrede hielt sich der neue Renault-Chef mit Ankündigungen zurück. „Die erste Aufgabe wird für mich darin bestehen, das Unternehmen neu zu entdecken“, sagte Ghosn vor den Aktionären. „Renault steckt nicht in der Krise, also gibt es keinen akuten Handlungszwang.“ Drei Felder für Verbesserungen nannte er dann doch: Die Internationalisierung will Ghosn voran treiben, die Qualität der Fahrzeuge verbessern und Lücken in der Produktpalette schließen: „Renault fehlen Geländewagen, Fahrzeuge der Oberklasse und so genannte Cross Over Modelle, sprich die Mischung aus Oberklassen-Fahrzeug und Geländewagen“, sagte er.

Kurz vor Amtsantritt löste Ghosn noch Spekulationen aus mit der Aussage in einem Pressegespräch, dass die „Allianz mit Nissan kein geschlossener Club“ sei. Angesichts der laufenden Konsolidierung der Automobilbranche könne ein dritter Partner aufgenommen werden. Konkreter wurde er dabei nicht.

Ein leichtes Erbe tritt Ghosn jedenfalls nicht an. Sein Vorgänger hat aus einem schwer angeschlagenen staatlichen Autoriesen den profitabelsten Volumenhersteller Europas gemacht. Als Schweitzer 1992 die Führung von Renault übernahm, machte der Konzern 870 Mill. Euro Gewinn. 2004 waren es 3,55 Mrd. Euro.

Renault galt bei Schweitzers Amtsantritt als zu unrentabel und zu klein, um alleine überleben zu können. Doch der 1993 unternommene Versuch, in einer Allianz mit Volvo in internationale Dimensionen vorzustoßen, schlug spektakulär fehl. Die Volvo-Aktionäre rebellierten gegen eine Fusion; da Renault noch überwiegend in staatlicher Hand war, fürchteten die Volvo-Eigner Interventionen der französischen Regierung in die Unternehmenspolitik. Schweitzer stand Ende 1993 vor einem Scherbenhaufen.

Doch der ehemalige Kabinettschef des sozialistischen Ministerpräsidenten Laurent Fabius steckte nicht auf. Er traf einige weitreichende modellpolitische und personalpolitische Entscheidungen. Mitte der 90er Jahre bringt Renault mit dem Scenic den ersten Mini-Van auf den Markt und kreiert damit ein neues Fahrzeugsubsegment. Der Wagen wird ein Riesenerfolg. 1996 holt Schweitzer einen talentierten Sanierer vom Reifenhersteller Michelin, Carlos Ghosn.

1999 schließlich geht Schweitzer seine größte industriepolitische Wette ein: Renault beteiligt sich mit 36,7 Prozent an Nissan. Der japanische Hersteller stand damals dem Bankrott nahe. Die Branche schüttelt den Kopf: „Aus zwei Maultieren wird nie ein Vollblüter“, höhnte der damalige VW-Chef Ferdinand Piëch. Schweitzer schickt seinen besten Mann, Carlos Ghosn, nach Tokio. Dieser saniert Nissan und macht das Unternehmen zu einer Gewinnmaschine. Dank des Nissan-Erfolgs wird Ghosn schon 2002 als späterer Nachfolger Schweitzers proklamiert.

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