Chemie
Chemiebranche fürchtet längere Durststrecke

Den Konzernen steht eine schmerzliche Schrumpfkur ins Haus: Der Druck auf die Unternehmen wächst, bestehende Überkapazitäten abzubauen. Hauptgrund für die Misere ist die Schwäche der großen Abnehmerindustrien wie der Bau- oder der Autoindustrie. Experten erwarten, dass eine Rückkehr zu den alten Absatzzahlen Jahre dauern könnte.

FRANKFURT. Die Chemiebranche richtet sich zusehends auf eine längere Schwächephase ein. Nach Einschätzung vieler Fachleute wächst damit für die Unternehmen der Druck, überschüssige Kapazitäten dauerhaft abzubauen.

Ausgangspunkt sind die nach wie vor eher schlechten Aussichten für wichtige Abnehmerbranchen wie die Bau- oder Autoindustrie. Die meisten Branchenbeobachter gehen zwar davon aus, dass sich das Chemiegeschäft nach dem dramatischen Einbruch zwischen Oktober und März im zweiten Quartal wieder etwas erholt hat. Doch bleibt weiter unklar, inwieweit dabei Vorratseffekte eine Rolle spielen und auf welchem Niveau sich die effektive Nachfrage bewegt. Eine Rückkehr zu alten Absatz- und Produktionsmengen, so die Erwartung vieler Branchenvertreter, könnte sich damit über mehrere Jahre hinziehen. Damit schwinden die Chancen, die Flaute mit der vorübergehenden Stilllegung von Anlagen zu überstehen.

Die Auslastung der europäischen Chemieindustrie lag nach Daten des Branchenverbandes Cefic zuletzt bei etwas über 70 Prozent und damit rund zehn Punkte unter dem langjährigen Durchschnitt. Für das Gesamtjahr 2009 geht die Cefic von einen Produktionsrückgang von elf Prozent aus, für 2010 lediglich von einem Plus von fünf Prozent.

Die Ratingagentur Moody's unterstellt für 2010 eine langsame Erholung von Nachfrage und Profitabilität. Der Löwenanteil der Branche werde dabei deutlich unter dem Niveau von 2008 bleiben. Kostensenkungsprogramme, so die Experten, dürften die negativen Effekte nur teilweise ausgleichen. Auch führende Industrievertreter, darunter der BASF-Vorstandsvorsitzende Jürgen Hambrecht und Lanxess-Chef Axel Heitmann äußerten jüngst in Interviews die Überzeugung, dass die Krise länger dauern werde als bisher erwartet. Beide rechnen für diesen Fall mit industrieweiten Restrukturierungen und erheblichen Veränderungen in der Wettbewerbslandschaft.

Branchen-Analysten kalkulieren vor diesem Hintergrund inzwischen Szenarien durch, die von einem längeren Verharren in der Talsohle ausgehen. In diesem Fall, schätzen die Experten der LBBW, wäre bei führenden Chemiefirmen wie BASF, Lanxess, Akzo, DMS und Evonik mit einem Umsatzrückgang um durchschnittlich 20 Prozent und einem Einbruch der Betriebsgewinne um 70 Prozent zu rechnen. Ausgangspunkt für die Berechnungen waren dabei die Zahlen des bereits schwachen vierten Quartals 2008, die auf das Gesamtjahr 2009 hochgerechnet wurden.

LBBW-Analyst Matthias Schell betrachtet diese Kalkulation allerdings als eher konservatives Szenario. Die Tatsache, dass im ersten Quartal der Abbau von Vorratslägern die Chemienachfrage zusätzlich drückte, sowie die schwache Basis des vierten Quartals 2008 lassen hoffen, dass es nicht ganz so schlimm kommen wird. Zudem dürften die Cash-Flows nach Schätzung der LBBW weniger stark einbrechen als die Erträge, da die meisten Firmen inzwischen intensiv an einem Abbau ihres Umlaufvermögens arbeiten und zudem geringere Steuerzahlungen als in den Vorjahren zu leisten haben.

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