Chemie-Tarifabschluss
Kein Wettrennen um den höchsten Lohnzuwachs

Die Mitarbeiter der Chemiebranche erhalten 4,1 Prozent mehr Lohn. Das gibt anderen Branchen Auftrieb für anstehende Tarifverhandlungen. Doch es darf nicht zu einem Wettlauf kommen. Ein Kommentar von Thorsten Giersch.
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Die Gewerkschaft IG BCE kann mit sich zufrieden sein: 4,1 Prozent mehr Lohn erhalten die rund 550.000 Beschäftigten der Branche. Und IG BCE-Chef Michael Vassiliadis trifft den Nagel auf den Kopf wenn er sagt: „Wir führen damit die Branchen in Deutschland an. Das ist auch richtig so, weil wir auch wirtschaftlich die Branchen derzeit anführen.“

Denn die Situation ist in der Chemiebranche eine Besondere: Die Wirtschaftskrise hat den Unternehmens und ihren Mitarbeitern viel abgefordert. Doch 2010 liefen die Geschäfte wieder rund – die Produktion stieg um mehr als elf Prozent. Auch der Start ins neue Jahr verlief bei vielen Unternehmen mit vollen Auftragsbüchern und ausgelasteten Anlagen gut.

Kein Wunder, dass sich Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt direkt nach der Veröffentlichung des Abschlusses kritisch zu Wort meldete. Die 4,1 Prozent mögen für die Chemieindustrie aufgrund von besonderen Umständen noch vertretbar sein. Aber ein Maßstab für andere Branchen sei sie nicht. Hundt nennt die Regelung „eine Ausnahme“.

Der Arbeitgeberpräsident hat Recht. Zwar leiden auch die Arbeitnehmer anderer Branchen unter der steigenden Inflation und können jeden Lohnzuwachs gut gebrauchen. Aber man sollte nicht vergessen, warum die deutsche Wirtschaft die Krise so schnell hinter sich lassen konnte: Weil beide Seiten geschickte und moderate Tarifvereinbarungen getroffen haben – im Sinne der Beschäftigungssicherung.

Die Verhandlungen in der Chemiebranche waren nicht nur die ersten großen nach der Krise. 4,1 Prozent ist auch der höchste Abschluss seit langem. Die IG Metall hat diesen Wert wohl mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen. Zum einen wird die Gewerkschaft in den anstehenden Verhandlungen an dieser Zahl gemessen. Zum anderen weiß die IGM aber auch, dass längst nicht alle Metallunternehmen in der zersplitterten Branche allzu hohe Abschlüsse verkraften können. Der Abschluss in der Chemiebranche darf nicht dazu führen, dass sich die Gewerkschaften nun ein Wettrennen um den höchsten Lohnzuwachs bieten.

Thorsten Giersch
Thorsten Giersch
Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt / Geschäftsführer digital bei planet c

Kommentare zu " Chemie-Tarifabschluss: Kein Wettrennen um den höchsten Lohnzuwachs"

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  • Was ist das für ein dümmlicher Kommentar. Geschickte Lohnabschlüsse in der Vergangenheit?? Schlicht und einfach haben die deutschen Arbeitsnehmer in den letzten 10 Jahren inflationsbereinigt keinen Lohnzuwachs erhalten. Der letzte Platz in der EU !!!! Es wird dringend Zeit über 2 bis 3 Jahre einen erheblichen Zuwachs auszuhandeln. Die Binnenkonjunktur sollte nun auch in Deutschland endlich kräftig wachsen. Die Arbeitgeber, allen voran der Präsident, jammern immer, das kann man ausblenden. Die Gewinne lassen es zu das eine stärkere Beteiligung der
    Arbeitnehmer erfolgen kann. Als zweiter Schritt kommt ganz bestimmt ein Mindenstlohn, den alle Nachbarstaaten schon haben. Wir müssen weg vom unsehligen Niedriglohn der nur Verarmung bringt und leere Sozialkassen.

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