China kauft ein
Der Drache ist hungrig

Chinas Firmen kaufen sich wie nie zuvor in die westliche Wirtschaft ein. Sie brauchen moderne Technologie, um den Ansprüchen der wachsenden Mittelschicht gerecht zu werden – bis hin zur Ausstattung des Klos.

Düsseldorf/PekingZur Jahrtausendwende rief Chinas damaliger Parteichef Jiang Zemin die Firmen des Landes auf: Zou Chuqu!“ (Schwärmt aus!). Derzeit folgen so viele Unternehmen wie nie zuvor dem Aufruf der Regierung.  Im vergangenen Jahr stiegen die Direktinvestitionen aus Fernost in Europa um 44 Prozent auf 20 Milliarden Euro, wie aus einer am Dienstag erschienenen Studie des Berliner Chinaforschungsinstitutes Merics und des Analysehauses Rhodium hervorgeht.

Und in diesem Jahr wird der geht Kaufrausch weitergehen. Im Januar und Februar haben Chinas Firmen beinahe im Wochenrhythmus Übernahmen im Ausland angekündigt. Alleine bei der geplanten Übernahme des Schweizer Pflanzenschutz-Spezialisten Syngenta durch Chinas größten Chemiekonzern Chemchina geht es um ein Volumen 43 Milliarden Dollar. Die größte Investition in Deutschland bisher wurde Anfang Februar vereinbart: Der niedersächsische Müllverbrenner EEW geht für 1,4 Milliarden Euro an die Staatsholding Beijing Enterprises. Wenige Tage später verkaufte der kriselnde Dienstleister Bilfinger sein Wassertechnologie-Geschäft an Chengdu Tencent.

„Wir erwarten, dass die Expansion chinesischer Firmen im Ausland nicht durch den konjunkturellen Dämpfer im eigenen Land gebremst wird“, sagt Mikko Huotari, Leiter des Programms Internationale Beziehungen am Merics, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Im Gegenteil: Das niedrigere Wachstum verstärke den Wettbewerb unter den chinesischen Firmen. Sie müssen dringend ihre Marktposition im eigenen Land verbessern  - und greifen deswegen nach attraktiven Technologieunternehmen aus dem Westen.

Dabei haben sie nicht nur die Unterstützung der Regierung, sondern sie folgen deren Willen und Plan. Unter dem Slogan „Reformen der Angebotsseite“ hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping eine Aufwertung chinesischer Hersteller angekündigt. Produkte müssten innovativer, hochwertiger und nachhaltiger werden, lautet das Credo der Zentralregierung.

Am Dienstag mahnte erneut ein ranghoher Regierungsvertreter die Modernisierung der heimischen Unternehmen an: „Chinas Mittelschicht hat steigende Ansprüche. Noch greifen sie oft zu ausländischen Produkten“, sagte Long Guoqiang, Vizepräsident des Forschungszentrums beim chinesischen Staatsrat. Er fordert: Künftig müssten chinesische Firmen höherwertige Produkte anbieten.

Die chinesische Führung will, dass der Konsum in China zu wachsenden Teilen von heimischen Unternehmen bedient werden kann. Long nannte ein plakatives Beispiel: Es könne nicht sein, dass chinesische Touristen im Japan Klodeckel einkauften, weil sie qualitativ chinesischen Produkten überlegen seien. „Hier muss sich dringend etwas ändern“, fordert er.

Mit den Zukäufen im Ausland suchen Chinas Firmen auch nach neuen Wachstumschancen im Westen. Die Scheu dortiger Firmen vor dem Verkauf an einen chinesischen Investor sinkt, wie der jüngste Boom unterstreicht. Anders als viele Private-Equity-Firmen haben die chinesischen Staatsunternehmen eine sehr langfristige Orientierung, unterstreichen Experten.  „Es geht nicht um schnelle Wertsteigerung, sondern um die Pflege des erworbenen Knowhows“, beobachtet Merics-Experte Huotari. Der oft befürchtete Raubbau der Chinesen am westlichen Wissen ist ausgeblieben.

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