Chrysler in Deutschland
Chrysler – mal Kondome, mal Babyprämien

Im Nahkampf mit dem Kunden: Wie Chryslerhändler in Deutschland verzweifelt versuchen, Autos zu verkaufen - und auf die Rettung ihres Mutterkonzerns in den USA hoffen.

KASSEL Vieles hat Peter Jakobs schon versucht, um Käufer in sein Autohaus am Rand von Kassel zu locken. Da gab es etwa kürzlich die Idee, einem Interessenten für jede Probefahrt 25 Euro zu schenken. Auf einmal meldeten sich bei Jakobs 2000 Möchtegern-Autokäufer. Bei Händlerkollegen standen ganze Schulklassen Schlange. "Alle Möglichkeiten", sagt Jakob, habe man genutzt, "um Werbedruck aufzubauen".

Genutzt hat es nichts. Denn Jakob hat den wohl undankbarsten Job im deutschen Automarkt: Er verkauft Chrysler.

Auf dem Schotterplatz vor seinem Autohaus drängen sich die Verschmähten aneinander: ein PT-Cruiser in Silbermetallic, ein Dodge Durango in Inferno-Rot, ein Jeep Grand Cherokee in Brillant-Schwarz. Drinnen hinter dem Schaufenster schleichen einige Verkäufer um die Ausstellungsstücke herum. Kunden? Fehlanzeige.

In Washington kämpft derweil Robert Nardelli für das Überleben von Amerikas drittgrößtem Autobauer - und damit auch für Peter Jakobs Geschäft. Pro Monat verbrennt Chrysler bis zu 400 Millionen Dollar. Ende 2009 droht dem Konzern das Geld auszugehen. Im US-Kongress bettelte Firmenchef Nardelli am Dienstag um sieben Milliarden Steuer-Dollar, um Chrysler zu retten. Dafür würde Nardelli sogar für ein Jahresgehalt von einem Dollar arbeiten. Die Senatoren gaben sich unbeeindruckt. Einer sagte gar, Chrysler suche Heilung "für weitgehend selbst zugefügte Wunden".

Kürzlich fragte Peter Jakobs Mutter ihren 50-jährigen Sohn in Kassel: "Junge, was wird nur jetzt aus dir?"

Schwer zu sagen, Frau Jakob. Geht es nach Radek Jelinek, soll jugendliche Aufbruchstimmung Chrysler in Deutschland durch die Krise helfen. "Wir fühlen uns wie ein Start-up-Unternehmen", sagt der Chef von Chrysler Deutschland. Wie zum Beweis der Jugendlichkeit hat er sich ums Handgelenk ein buntes Stoffbändchen gewickelt. Jelinek startete 1986 als Sachbearbeiter im Finanzwesen bei Daimler. "Wir haben ein kleines Tal, wo wir durchmüssen", sagt der gebürtige Tscheche, aber "wir versuchen, die Krise im Nahkampf zu lösen".

Doch auch im Mann-gegen-Mann sind die Chancen der 120 deutschen Chryslerhändler, Umsatz zu machen, gering. Im Jahr 2007 verkaufte der US-Riese in Deutschland ganze 18658 Autos. Marktanteil: 0,5 Prozent. Als Chrysler zu Daimler gehörte, sollten es mal 2,2 Prozent werden, doch viel mehr als 0,5 wurden es nie. In diesem Jahr ist der Umsatz mancher Chryslerhändler um bis zu 90 Prozent eingebrochen.

Bei Peter Jakob in Kassel beträgt das Minus 40 Prozent seit dem Frühjahr. Er weiß, warum kaum noch ein Kunde zu ihm findet: "Ein Chrysler schluckt, ist teuer und anfällig - das ist es, was die Leute immer noch mit der Marke verbinden." Als er vor 18 Jahren seinen Vertrag mit dem US-Autobauer unterzeichnete, da habe er ein gutes Gefühl gehabt. "Ich hatte ein neues Spielzeug", sagt Jakob. Ein solches, ein nachtschwarzer Crossfire, steht direkt neben der Eingangstür zum Verkaufsraum. "Geile Kiste", sagt Jakob und streicht über die Motorhaube. Darunter schlummert ein 3,2-Liter-Motor mit 218 PS. "Schade, dass der nicht mehr gebaut wird." Der Crossfire ist nicht das einzige Modell, das Chrysler aus seiner Palette genommen hat. Statt 30 vertreibt der Konzern in Zukunft nur noch 15 bis 20 Modelle. Statt 2,7 sollen nur höchstens noch 1,8 Millionen Autos pro Jahr gebaut werden.

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