CO2-Belastung
Die umstrittene Klimabilanz des Elektroautos

Der CO2-Ausstoß des Autoverkehrs ist zuletzt wieder gestiegen, weil der Diesel schwächelt: Nun soll das Elektroauto die Klimabilanz der Hersteller retten. Doch Experten zweifeln, ob das gelingt.
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DüsseldorfDie Parteien in Deutschland sind sich einig: „Die Zukunft des Automobils ist elektrisch“, schreibt die SPD in ihrem Regierungsprogramm für die Bundestagswahl. Die CDU macht sich für eine Batteriezellenproduktion in Deutschland stark. Und die Grünen wollen ab 2030 gleich jedem Verbrenner die Neuzulassung verweigern. Wichtigstes Argument: Nur mit dem Elektroauto sei der Umstieg in eine klimafreundliche Mobilität möglich.

Doch neue Studien nähren Zweifel, dass Elektroautos kurzfristig wirklich klimafreundlicher sind als Verbrenner. In einer Analyse von Arthur D. Little, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, formulieren die Unternehmensberater ernsthafte Vorbehalte gegen die Vorstellung, dass mit Elektroautos alleine unser Klima gerettet werden kann. Für ihre Untersuchung berechneten die Experten den durchschnittlichen CO2-Ausstoß von Verbrennern und batteriebetriebenen Elektroautos unter realen Bedingungen.

Wie klimafreundlich das Elektroauto wirklich ist, hängt nach den Ergebnissen der Unternehmensberater entscheidend vom Strommix der jeweiligen Länder ab. Kurzfristig können auch Elektroautos den Klimawandel hierzulande nicht abbremsen. Schuld ist der hohe Anteil der Kohlekraftwerke am Strommix in Deutschland. Ein Model S von Tesla schneidet hierzulande in puncto CO2-Ausstoß kaum besser ab als ein 3er BMW mit Dieselmotor. Nach dem heutigen Energiemix stoße ein durchschnittliches Elektroauto unter realen Bedingungen 107 Gramm CO2 aus, zeigt die Studie.

Zu viel, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. In diesem Abkommen hat sich die Bundesregierung verpflichtet, den verkehrsbedingten CO2-Ausstoß bis 2030 um 30 Prozent zu senken. Da in den kommenden Jahren die Flotte weiter wachsen werde, müsse der Ausstoß pro Auto in Deutschland auf 103 Gramm CO2 fallen, rechnen die Berater vor. Im Schnitt dürfte ein Auto dann nicht mehr als 3,1 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen.

Die Berechnungen von Arthur D. Little offenbaren noch ein zweites Problem: Weil die reale Klimabilanz der Elektroautos nicht so gut ausfällt, können sie die CO-Bilanz der Verbrenner auch nicht ausreichend kompensieren. Das europäische Ziel von 95 Gramm können die Hersteller ohnehin nur unter den unrealistischen Bedingungen des gesetzlich vorgeschriebenen Prüfbedingungen erreichen. Unter realen Bedingungen sieht die Klimabilanz der vergangenen Jahre deutlich schlechter aus.

Kommentare zu " CO2-Belastung: Die umstrittene Klimabilanz des Elektroautos"

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  • Ich schliesse mich Herrn Nicklas Vomer's Kommentar voll an und möchte ihn noch um einige Punkte ergänzen.

    5. Elektroautos haben jetzt schon einen viel grösseren Wirkungsgrad (Quelle zur Strasse) als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Also wird auch der CO2 Anteil pro gefahrenem Kilometer weniger. Das Potential für mehr Wirkungsgrad ist vorhanden. Die Elektroautoherstellung in Serie hat erst begonnen. Die Mechanik und mitgeführten Komponenten (Getriebe, Auspuff, Motorblock, Vergaser oder Einspritzanlage, etc.) eines Verbrennungsmotor getriebenen Fahrzeugs sind anachronistisch und kosten immense Leistungsverluste. Die Automobilindustrie möchte nur ihre Investitionen in veraltete Technik amortisieren.

    6. Mit vermehrt fahrenden Elektroautos wird eine neue Infrastruktur geschaffen, die (auch der neben den Autos mit Verbrennungsmotor) für eine modernere Energienutzung Synergien schafft. Starkstromkabel z.B. die dazu verlegt werden müssen, können in Häusern auch zu anderen Dingen genutzt werden. Zum Beispiel zur autarken Energieerzeugung durch Solarpanels oder andere CO2 - schonenden Systeme. Es obliegt der Politik daraus das richtige zu machen. So wie es in den Niederlanden, Norwegen und jetzt auch in Frankreich anvisiert wird.

    7. Je mehr Elektroautos fahren, desto grösser wird der Druck auf die Politik dafür zu sorgen, dass die notwendige Energie vermehrt Umweltneutral hergestellt wird. Es liegt dann nicht mehr an den bösen Bürgern, die ja veraltete Technologie möchten, sondern an der Politik die die Infrastruktur nicht erstellt oder erstellen will.

    8. Auch die autarke Stromerzeugung durch entsprechende Systeme (Solarsysteme mit PowerPacks, etc.) wird prosperieren. Was dazu führt, dass die wenigen Energieerzeuger damit kooperieren müssen und ihre Macht verlieren. Das ist im Interesse der Bevölkerung.

    9. Die Abhängigkeit zu Öl-Förderländern, Öl-Konzernen und deren Protégés wird geringer. Und damit der Zwang zur Einmischung, was die int. Politik einfacher macht.

  • Herr Little kommt auf ein Ergebnis, auf das wirklich jede, jede (!) seriöse Studie kommt: Je besser der Strommix, desto klimafreundlicher das Elektroauto. Dafür hätte er sich die Mühe nicht machen müssen.

    Folgende Fehler machen er (und der Autor) trotzdem:
    1. Das Model S mit einem BMW 3er zu vergleichen ist totaler Unsinn. Äpfel und Birnen. Panamera, BMW 7er, Audi A7...die sind vergleichbar. Was kommt dann heraus?
    2. Die Elektromobilität wird nicht nur für das Klima forciert, sondern auch für die Luft- und Lebensqualität. Hier bringen Elektroautos kurz- UND langfristig eine gewaltige Besserung.
    3. Niemand hat behauptet, dass Elektroautos kurzfristig alle Probleme lösen. Was ist das für eine unsinnige Aussage? Alle die auf Elektroautos setzen, denken langfristig. Weil sie wissen, dass mit jedem Windrad, jeder Photovoltaikanlage und jedem abgeschaltetem Kraftwerk die Bilanz besser wird. Das ist ein Vorteil, den die Verbrenner niemals (!) haben werden.
    4. Es ist doch erstaunlich, dass die "ungausgereiften" Elektroautos von heute offenbar schon genauso gut sind wie die modernsten, seit über 100 Jahren erforschten Dieselfahrzeuge.

    Also, welche Technologie hat in Zukunft mehr Potential?

  • Danke für den Artikel, denn er hilft ein wenig Objektivität in das Thema zu bringen. So schön das Elektroauto mit weniger Lärm und lokalen Emissionen für die Lebensqualität in den Städten wäre - und hier macht es auch am meisten Sinn - so wenig bringt es für die CO2-Bilanz. Bei einer fairen Rechnung dürfte man noch nicht mal vom aktuellen Strommix ausgehen, sondern von dem incrementellen CO2 Ausstoß dieser zusätzlichen Stromverbraucher. Und, da die Regnerativen über die Vorrangsregelung bereits anderweitig verbucht werden, kommt dieser im günstigsten Fall aus Kernkraft mit Null-Emission, demnächst - nach Abschaltung der KKW - aber für noch sehr lange Zeit hauptsächlich aus Kohle mit der höchsten CO2-Emission/kWh, . Für weniger Emissionen - Elektro oder Verbrenner - brauchen wir vorallem kleinere und leichtere Fahrzeuge und da geht der Mainstream der Verbraucher leider in die völlig falsche Richtung.

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