Computerindustrie
Der PC im Büro wird zum Auslaufmodell

Die Computer-Industrie steht vor einem Umbruch: Die traditionelle Aufteilung zwischen Privat- und Geschäftskunden könnte bald obsolet sein. Denn immer mehr Firmen erwägen, ihre Mitarbeiter ihre eigenen Notebooks mit ins Büro bringen zu lassen, anstatt die Geräte zentral zu beschaffen. Die Hersteller müssten ihren Vertrieb komplett umstellen.

MÜNCHEN/FRANKFURT. Immer mehr Unternehmen denken darüber nach, Mitarbeiter ihre eigenen PCs kaufen und nutzen zu lassen statt diese zentral zu beschaffen. "Das ist ein großer globaler Trend", sagt Mark Templeton, Chef des Softwarespezialisten Citrix. Der US-Konzern selbst sowie erste Kunden wendeten das Modell bereits seit einigen Monaten an.

Sollte sich das Konzept auf breiter Front durchsetzen, hätte das für die etablierten PC-Hersteller massive Auswirkungen. Bislang sind sie auf Vertriebsseite in die Sparten Privat- und Firmenkunden aufgeteilt. Bald könnte aber nicht mehr die Einkaufsabteilung einer Firma über den Kauf eines Computers entscheiden, sondern viel eher die persönlichen Vorlieben des Mitarbeiters. "Beide Welten, die private und die des Berufs, verschmelzen. Da kündigt sich ein massiver Paradigmenwechsel für die IT-Industrie an", sagt Heiko Naß, Chef der Beratungssparte des IT-Dienstleisters Centracon. Im Klartext: Die Anbieter müssten ihren Vertrieb komplett umstellen und stärker auf Konsumenten ausrichten.

In Deutschland ist dieser Trend bereits angekommen. "Wir können keine Namen nennen, aber wir sind in Gesprächen mit großen Dax-Unternehmen, die sich für dieses Modell interessieren", bestätigt Naß.

Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet ist Siemens. Der Technologiekonzern treibt das Konzept gleich zweifach voran. Auf der einen Seite hat die IT-Sparte SIS Software entwickelt, mit der Firmen das neue Modell einführen können. Gleichzeitig berät SIS die Kunden bei der Umsetzung und betreibt die dazu nötige Infrastruktur in den Rechenzentren. Das Angebot ist ganz neu und noch in der Testphase, doch die ersten Ergebnisse seien ermutigend, sagt SIS-Manager Peter Arbitter: "Wir registrieren eine überdurchschnittlich positive Reaktion der Kunden." Auf der anderen Seite können erste Siemens-Beschäftigte bereits ihre eigenen Rechner mit ins Büro bringen.

"Warum hören Unternehmen nicht auf, PCs zu kaufen?", provozierte jüngst Peter Sondergaard, Senior Vice President des amerikanischen Marktforschers Gartner. Tatsächlich hat es handfeste Vorteile, die Computer nicht mehr zentral einzukaufen, sondern dies den Mitarbeitern zu überlassen.

Zum einen müssen die Rechner nicht mehr wie bisher bilanziell verarbeitet werden. Auch der Investitions- und Wartungsaufwand ist geringer, weil nicht mehr die Software auf jedem einzelnen Rechner gepflegt werden muss. "Dadurch ist das ganze System auch noch wesentlich sicherer", fügt Naß von Centracon hinzu. Dem Manager zufolge wollen deutsche Unternehmen die Nutzung externer Rechner im internen Firmennetz in einem ersten Schritt für Mitarbeiter von Fremdfirmen oder Beratern erlauben. "Aber es gibt bereits CEOs, die sagen: Wenn das für die Externen geht, warum nicht auch für uns?"

Das Vorgehen ist einfach: Bei Citrix bekommen die Mitarbeiter ein festes Budget für den Kauf eines eigenen Laptops. Das reicht laut Templeton auch für teurere Geräte. "Bedingung ist, dass die Mitarbeiter einen Drei-Jahres-Wartungsvertrag abschließen", erzählt der Citrix-Chef. Beim ersten Einsatz des Geräts im Büro verbindet sich dieses mit dem Rechenzentrum und es wird eine Software installiert. Über diese kann der Mitarbeiter alle notwendigen Programme über das Netz nutzen. Möglich wird das durch die Virtualisierungstechnik, die einen Desktop-Rechner simuliert, unabhängig davon, welches Gerät genutzt wird.

Die Computerindustrie trifft diese Entwicklung unvorbereitet. Das könne nur in kleinen Unternehmen funktionieren, beschwichtigt Stefan Engel, Deutschlandchef des Taiwaner PC-Produzenten Acer. "In größeren Firmen ist ein Sammelsurium verschiedener Geräte und Marken aus IT-Support-Sicht ein Desaster und bedeutet immensen Mehraufwand."

Auch der chinesische Konkurrent Lenovo wiegelt ab. "Vereinzelt sind Anfragen dieser Art in Gesprächen mit unseren Kunden an uns herangetragen worden", berichtet Bernhard Fauser, der das Geschäft in Deutschland führt. Hierbei handele es sich jedoch um Einzelfälle, "die meist von Unternehmen kommen, in denen der auszustattende Mitarbeiter auf selbständiger Basis arbeitet". Tobias Ortwein vom IT-Beratungshaus PAC teilt diese Skepsis. "Das ist ein interessantes Konzept, das von einer Umsetzung vor allem in Deutschland noch sehr weit entfernt ist."

In den Augen von Citrix-Chef Templeton ist der Trend freilich nicht mehr aufzuhalten. Zu groß sei der Druck seitens der Mitarbeiter. "Wenn man sich heute die Erfahrungen anschaut, die Nutzer in Unternehmen und bei sich zu Hause machen, dann muss man sagen: Daheim ist es um Längen besser", argumentiert er. Zwar versuchten die internen IT-Abteilungen, die Entwicklung zu stoppen. "Aber sie werden verlieren, das ist sicher. Besser ist es, den Mitarbeitern die passende Infrastruktur zu geben, die die Nutzung der privaten Geräte erlaubt."

IT-Dienstleister wie die Siemens-Sparte SIS hoffen auf ein großes Geschäft. Ein halbes Jahr werde es noch dauern, das Angebot abzurunden, sagt SIS-Manager Arbitter. Dann würden aus Tests die ersten regulären Kundenbeziehungen.

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