Contergan-Skandal

Opferverbände kritisieren Entschuldigung

Der Contergan-Hersteller Grünenthal hat sich 50 Jahre nach Einführung des Medikaments entschuldigt – doch weltweiten Opferverbänden geht das nicht weit genug. Die Entschuldigung sei nur „ein PR-Gag“ und „erbärmlich“.
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Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan wurde 1957 auf den Markt gebracht. Viele werdende Mütter nahmen es ein. Doch bald kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. Quelle: dpa

Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan wurde 1957 auf den Markt gebracht. Viele werdende Mütter nahmen es ein. Doch bald kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt.

(Foto: dpa)

Die Entschuldigung des Contergan-Herstellers Grünenthal ist bei Opferverbänden weltweit auf Kritik gestoßen. „Wir erwarten Taten, und wenn diese Taten nicht folgen, dann bleibt dies nur eine leere Hülse und ein PR-Gag“, sagte die Sprecherin des Bundesverbands Contergangeschädigter. Auch Opfervertreter in Großbritannien, Japan und Australien wiesen die Grünenthal-Erklärung als unzureichend zurück.

Der Bundesverband Contergangeschädigter nehme „diese menschliche Rede zur Kenntnis“, sagte Sprecherin Ilonka Stebritz mit Blick auf die Äußerungen von Grünenthal-Chef Harald Stock vom Vortag. Zugleich wies sie darauf hin, dass sich das Pharmaunternehmen nicht für die Einführung des Medikaments vor rund 50 Jahren entschuldigt habe.

Stock hatte am Freitag bei der Einweihung eines Contergan-Denkmals in Stolberg erstmals bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. „Wir bitten um Entschuldigung, dass wir fast 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen von Mensch zu Mensch gefunden haben“, sagte er. Das jahrzehntelange Schweigen des Pharmakonzerns sei „als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen“, die das Schicksal der Opfer bei dem Unternehmen bewirkt habe.

In Deutschland war das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan von 1957 bis 1961 rezeptfrei vertrieben worden, es wurde auch von vielen Schwangeren genommen. Der Wirkstoff Thalidomid führte weltweit bei schätzungsweise 10.000 Kindern zu dauerhaften Schäden, darunter schwerwiegende Fehlbildungen. Neben Deutschland leben die meisten Opfer in Großbritannien, Japan, Kanada und Australien.

Auch aus diesen Ländern kam am Samstag scharfe Kritik an der Entschuldigung von Grünenthal. „Wir denken, dass eine echte und aufrichtige Entschuldigung eine ist, die ein tatsächliches Fehlverhalten einräumt“, sagte das britische Contergan-Opfer Nick Dobrik dem Sender BBC. Dies habe Grünenthal nicht getan. Der Chef des britischen Contergan-Opferverbands, Freddy Astbury, der ohne Arme und Beine auf die Welt kam, forderte eine finanzielle Entschädigung für die Opfer.

Anwälte australischer Opfer nannten die Entschuldigung „erbärmlich“. Sie ist zu wenig, zu spät und durchsetzt mit weiterer Falschheit“, erklärten die Anwälte des Australierin Lynette Rowe. Das lange Schweigen mit einer „stummen Erschütterung“ des Unternehmens zu begründen, sei „beleidigender Unsinn“. Der Konzern habe 50 Jahre lang versucht, die moralischen, juristischen und finanziellen Konsequenzen des Skandals zu umgehen.

Auch der japanische Opferverband „Sakigake“ zeigte sich von der Entschuldigung enttäuscht. „Die Zahl der Opfer wäre geringer gewesen, wenn der Konzern den Verkauf früher gestoppt hätte“, sagte Verbandschef Tsugumichi Sato. Sein Verband werde genau verfolgen, welche Verantwortung Grünenthal künftig übernehmen werde.

Die FDP-Politikerin Nicole Bracht-Bendt begrüßte dagegen die Entschuldigung des Arzneimittel-Herstellers. „Diese Geste war schon lange überfällig“, erklärte die Sprecherin für Frauen und Senioren der FDP-Bundestagsfraktion am Samstag.

Der Bundesverband Contergangeschädigter lehnt darüber hinaus auch das neue Contergan-Denkmal in Stolberg ab. Die Bronzestatue eines Mädchens ohne Arme und mit missgebildeten Beinen verharmlose „das schuldhafte Verhalten von Grünenthal“, erklärte der Verband kurz vor der Einweihung am Freitag. Es handele sich um eine „PR-Maßnahme“ des Konzerns.

  • afp
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11 Kommentare zu "Contergan-Skandal: Entschuldigung ist für Verbände „beleidigender Unsinn“"

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  • @ Toleranz: hasserfüllt oder nicht, das spielt hier keine Rolle. Ich bin es nur leid, dass sich die GRÜNENTHAL Eignerfamilie Wirtz erst 50 Jahre lang taub gestellt hat was den Dialog mit den durch Contergan geschädigten Menschen, das von ihnen viel zu lange produziert und verkauft wurde, angeht. Als dann einer aus der jüngsten Generation mit uns in Kontakt getreten ist, hat man ihn aus dem Verkehr gezogen und einen knallharten Manager eingesetzt, dem nur - und wirklich NUR - die Gewinnmaximierung des Geschäfts am Herzen liegt. Das ist natürlich sein Job. Deshalb kann und darf er sich auch nicht hinstellen und sich entschuldigen. Aus seinem Mund ist das Heuchelei. Viele seiner Ankündigungen in der Vergangenheit, was die Verbesserung der Lebenssituation Conergangeschädigter Menschen angeht, waren bisher Massnahmen, die sie locker aus der Portokasse zahlen konnten. Selbst die 50 Mio. Euro, die GRÜNENTHAL 2009 freiwillig an eine Stiftung gespendet hat - wovon sie einen Großteil steuerlich geltend machen konnten - war der Gewinn eines einzelnen Jahres, der sonst auf die Gesellschafter privat ausgezahlt wird und ein Teil in die Firma reinvestiert wird. Diese "Spende" wid aber auf 25 Jahre auf 2700 Contergangeschädigte aufgeteilt. Maximal sind das einmal im Jahr 3600 Euro.
    Taten, die hier folgen müssen, sind ein Einstehen der moralischen Verantwortung und die notwendigen Ausgaben, die uns auf Grund unserer Schädigung entstehen, finanziell auszugleichen. Wenn man uns dann eine Entschuldiung ausspricht, weil man damals zu lange die Rücknahme vom Markt verzögert hat und zu lange die moralische Verantwortung geleugnet hat, dann könnte ich diese auch annehmen.

  • Grünenthal und seine "Division" Unternehmenskommunikation: sowas sollte als mahnendes Beispiel in die Lehrbücher aufgenommen werden.

  • Unbedingt zu erwähnen ist, dass Contergan auch heute noch unter dem Namen Thaladomid u. a. als Lepramedikament verwendet wird; in Europa streng überwacht, aber z.B. in Brasilien jedoch nicht, so dass es weiterhin zu schweren Missbildungen bei Neugeborenen kommt. Die Entschuldigung ist insofern eine Farce; von der bisher nicht erfolgten Entschädigung der Opfer einmal ganz abgesehen.

  • Ich empfinde keine Hassgefühle. Aber ich empfinde absolutes Unverständnis darüber, dass die damalige betrügerische Prozessführung als rechtens anerkannt wurde und immer noch als rechtens angesehen wird. Im Zuge dessen, dass man uns alle spätestens in der Teenagerzeit als "gestorben" und "erledigt" gesehen hat ist es ein absolutes Unding, dass man uns bis heute nicht zu mindestens sowohl mit jeglichen Hilfsmitteln als auch finanziell so unterstützt, dass wir sorgenfrei Leben dürfen. Unser Leben ist durch die speziellen Behinderungen doch schon eingeschränkt genug. Ich kann keinen Nebenjob annehmen um die Extravaganzen der Bundesregierung (Preiserhöhungen, Stromkosten, Benzinkosten usw.) abzufangen. Dadurch gerate ich trotz Fulltimejob ins Abseits. Ich fordere die Bundesregierung, die Pharmaindustrie und die Fa. Grünenthal auf sich zusammen zu setzen und ENDLICH eine akzeptable Entschädigungssumme, höhere monatliche Zuwendung + Hilfsmittel, Arzt- und Medikamentenkosten uns Geschädigten zuzugestehen. Dieses 3-er-Gestirn wird doch wohl in der Lage sein, dies GEMEINSAM zu wuppen. Ich habe auch keinerlei Verständnis für Bürger, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen dürfen und uns angehen, weil sie das Thema nervt. In Deutschland werden in der Regel Opfer noch mehr zu Opfern gemacht, weil die Täter geschützt und unterstützt werden. Hier muss endlich mal ein Umdenken stattfinden. Und jeder Kritiker darf gerne mit mir tauschen ... aber den A... in der Hose habt ihr ja nicht. Online platte Dummheiten von sich geben kann jeder. Schönen Gruß Rollimaus

  • Bitte beachten Sie, dass Grünenthals CEO sich nicht dafür entschuldigt hat, dass dieses hochgefährliche Mittel von seinem Unternehmen als extrem unschädlich beworben und verkauft wurde. Stock entschuldigt sich nur dafür, dass die Grünenthalgeschäftsführung und -eigner bisher nicht mit den Opfern gesprochen hätten. Klingt das nicht irgendwie höhnisch? Hätte er wenigstens noch hinzugefügt, dass er ab jetzt mit den Opferverbänden in einen Dialog eintreten will, hätte kein Geschädigter ihn kritisiert.

  • Vielleicht war die Entschuldigung, die zumindest als ein erster Schritt hin zu einer Entschuldigung eingeschätzt werden könnte, auch ein Versuch, weiteren berechtigten Forderungen der Contergangeschädigten präventiv zu begegnen.
    So erklärte sich die Reaktion der Betroffenen.

  • Ich gebe Ihnen recht. Dennoch wäre eine Annahme der Entschuldigung als ersten Schritt in die richtige Richtung sicher eine zielführendere Antwort gewesen. Conterganopfer geraten leider immer wieder ins Abseits der Medien. Deren Verbände hätten das kurze Scheinwerferlicht besser nutzen können als sich unkonstruktiv zu präsentieren.

  • @ Toleranz Wieso sind denn Conterganopfer hasserfüllt, wenn sie nach 50-jährigem unermesslichem Leid eine halbwegs würdevolle Entschädigung erwarten? Die Conterganopfer wollen ja keine Entschädigung, um sie für Luxusgüter auszugeben, sondern sie benötigen vom Conterganhersteller finanzielle Mittel, um endlich wichtige Haushaltshilfen zu bezahlen. Bitte bedenken Sie, dass für Menschen ohne Arme und Beine selbst einfach erscheinende Tätigkeiten (wie das Auswechseln einer Glühbirne) unmöglich sind.

  • Ich frage mich, wieso ein Grünenthalmanager sich bei den Opfern entschuldigt. Wäre es nicht viel würdevoller gewesen, wenn das ein Mitglied der Grünenthaleignerfamilie Wirtz getan hätte? Entscheidend ist natürlich, dass Familie Wirtz nun den Worten Taten folgen lässt und die Conterganopferverbände umgehend zu Entschädigungsverhandlungen einlädt, denn es kann nicht sein, dass die Steuerzahler alle Schäden des Conterganverbrechens bezahlen, während Milliardärsfamilie Wirtz ihre Mitarbeiter nur PR-wirksame Phrasen dreschen lässt.

  • Was wollen die für Taten sehen?

    Soll Grünenthal neue Gliedmaße züchten?

    Was für eine hasserfüllte Meute. Aber, mit deutschen Firmen kann man's ja machen. Auch die haben zu zahlen, bis in alle Ewigkeit.



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