Continental
Der Jäger aus Hannover wird zum Gejagten

Kalt erwischt haben den Continental-Vorstand die Übernahmepläne von Schaeffler. Bisher war die Hannoversche Konzernzentrale eher angriffserprobt als für Abwehrschlachten gerüstet. Jetzt muss der Mathematiker und Unternehmenschef Manfred Wennemer kühlen Kopf bewahren.

DÜSSELDORF. Beteiligte beschreiben das Auftreten von Manfred Wennemer gestern so, wie es typisch für den Mathematiker ist: Ruhig und sachlich habe er agiert. Dabei hat die Attacke auf seinen Konzern den detailversessenen Planer offenbar kalt erwischt. Und der Nervenkrieg hat erst begonnen: Derzeit liegt weder ein Angebot der Schaeffler-Gruppe vor noch ist klar, was das fränkische Familienunternehmen vorhat.

Wennemer und Finanzchef Alan Hippe müssen nun von der angriffserprobten Conti-Zentrale in Hannover-Vahrenwald aus zügig eine Abwehr formieren. In den nächsten Tagen soll mit dem Aufsichtsrat über die Details beraten werden, heißt es. Die Kontrolleure haben früher wiederholt nach der Gefahr einer Conti-Übernahme gefragt. Nach dem Kauf von VDO und der dadurch nötigen Verschuldung von gut elf Mrd. Euro fühlte man sich jedoch sicher. Zumal die Finanzmarktkrise es erschwert, die nötige Kaufsumme zusammenzubekommen.

Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg war zuletzt als Rat mehr mit der Kontrolle der skandalgeplagten Telekom und vor allem – nach der Trennung von Vorstandschef Fred Kindle – mit seiner Aufgabe als Verwaltungsratschef der Schweizer ABB befasst als mit Conti. Der Konzern schien auf Kurs, die Integration von VDO schwieriger als erwartet, aber dennoch nur eine Frage der Zeit. „VDO wird für uns zur Routine werden und die Schuldenhöhe weniger bedenklich“, hatte von Grünberg dem Handelsblatt Ende Mai gesagt. „Jede weitere Erfolgsmeldung hilft. Dann wird die Aktie wieder ihren ursprünglichen Wert von 110 Euro erreichen, da bin ich sicher.“

Der Aktienkurs erwies sich seit der VDO-Übernahme aber zunehmend als Achillesferse des erfolgsverwöhnten Conti-Managements. Die Anleger sahen mehr auf den Schuldenberg und die Probleme mit VDO als auf das Potenzial des neuen Gebildes. Wennemer und Hippe gelang es nicht, den Vorteil einer Kombination von High Tech – wie Antriebs- und Bremssystemen – mit speziellen Reifen publikumswirksam zu verkaufen. Die düsteren Aussichten für die US-Konjunktur und speziell die Autobranche taten ein Übriges. Die vom ehemaligen Mutterunternehmen Siemens geprägte VDO-Kultur erwies sich als hartnäckig. Viele Manager zogen es vor zu wechseln, andere gingen in die innere Emigration. Der Conti-Vorstand musste erkennen, dass Siemens an mehr Stellen als befürchtet den Laden hatte schleifen lassen, dringend notwendige Investitionen wurden vor dem teuren Verkauf nicht getätigt.

Dabei verfügt kaum ein Dax-Unternehmen über so viel Integrationserfahrung wie Conti. Seit von Grünberg den Reifenhersteller Mitte der 90er-Jahre zum Automobilzulieferer umbaute, schluckten die Niedersachsen unter anderem die Zulieferer Teves und Temic, den Kautschukspezialisten Phoenix, die Automobilsparte von Motorola und diverse Reifenmarken. Von Grünberg erkannte früh, dass Conti mit dem relativ innovationslosen Massenprodukt Reifen allein auf Dauer keine Perspektive haben dürfte. Jetzt wird der Jäger zum Gejagten.

Eine Niederlage wäre für den Strategen Wennemer und seinen nicht minder ehrgeizigen Aufsichtsratschef, die beide aus von Conti übernommenen Firmen stammen, eine persönliche Niederlage. Kaum vorstellbar, dass der Vorstandschef unter dem Kommando des zwölf Jahre jüngeren Schaeffler-Bosses Jürgen Geißinger (48) weitermachen würde. Er stehe nicht für alle Konstellationen zur Verfügung, ließ er vorsorglich verlauten.

Man muss Wennemer beim Wort nehmen. „Wir sagen, was wir tun, und wir tun, was wir sagen“, lautet sein Credo, das auch die Unternehmenskultur prägt. Selbst wenn es Schaeffler gelänge, die größere Conti zu schlucken, muss das Unternehmen zeigen, wie die Integration von VDO ohne Wennemer zum Erfolg geführt werden soll. Gegenwind kommt von Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine. Der Gewerkschafter befürchtet „eine Filetierung von Conti“ und kündigt erbitterten Widerstand an: „Wir lehnen eine Zerschlagung ab.“

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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