Continental
Wennemer allein zu Haus

Schmucklos liegt der Eingang der Eidenriedehalle neben dem Kongresszentrum in Hannover. Ein Bau in Grau, der gut zu dem Wetter passt. Drohend hängen die Regenwolken am Himmel, doch noch fällt kein Tropfen. Nur die roten Transparente der Belegschaft bringen etwas Farbe in die Szenerie.

HANNOVER. Sie wirken fast störend, denn auch die Gesichter der Conti-Beschäftigten passen in das triste Ambiente. Mehr als 2 000 sind gekommen, um in einer Betriebsversammlung gegen den Beschluss des Vorstandes zu protestieren, Ende 2006 das PKW-Reifenwerk in Hannover-Stöcken mit 330 Beschäftigten zu schließen.

In ganz Deutschland fordern an diesem Tag mehr als 20 000 Beschäftigte des Automobilzulieferers Continental an 26 Standorten die Rücknahme des Schließungsbeschlusses für das kleine Werk. Denn es geht nicht um die Schließung einer maroden Fertigung, Stöcken macht ordentliche Gewinne. Alle fürchten nun, die nächsten auf der Streichliste zu sein. „Wenn nun schon profitable Unternehmen geschlossen werden, nur weil woanders noch mehr zu verdienen ist, können wir gleich alles zusperren“, sagt ein Anfangsdreißiger in roter Lederjacke und Nike-Schuhen, der um seinen Job bangt.

Manfred Wennemer, der in der Finanzszene für seine unbestrittenen Erfolge hochgelobte Conti-Chef, hat sich nicht angekündigt. Er spürte bei zwei ähnlichen Veranstaltungen am Morgen, wie eisig die Stimmung geworden ist. Er wurde unterbrochen und ausgebuht. Eigentlich wollte er an diesem Nachmittag seinen Arbeitdirektor Thomas Sattelberger zur Versammlung schicken. Doch selbst der kam nicht, sagte kurz vor dem Termin ab. Begründung: Die Versammlung ziele darauf ab, „größtmögliche öffentliche Wirkung zu entfalten und mache dadurch einen ernsthaften internen Dialog unmöglich“. Doch dafür, dass die Versammlung keineswegs öffentlich ist, hat Conti parallel gesorgt. Rund ein Dutzend Angestellte einer Sicherheitsfirma passen auf, dass niemand ohne Betriebsausweis die Versammlung betritt.

Den ernsten Dialog, den Wennemer fordert, gab es einmal: Im vergangenen Mai hatten die Beschäftigten des PKW-Reifenwerkes in Stöcken in einer Betriebsvereinbarung zugestimmt, ohne Ausgleich künftig wieder 40-Stunden zu arbeiten, auf Gehalt zu verzichten, um ihre Stellen zu sichern. „Lohnverzicht sichert Arbeitsplätze – und die Erde ist eine Scheibe“, liest sich ihre Enttäuschung heute auf einem Transparent. „Unsere Kunden geben uns keine Abnahmegarantie, also können wir auch keine Arbeitsplatzgarantie geben“, hatte Wennemer den Schließungsbeschluss begründet. Conti hatte sich bei der Absatzplanung überschätzt, Stöcken ist nach Unternehmensangaben das kleinste und teuerste Werk.

Was den Arbeitern dennoch nicht in den Kopf will: Conti steuert in diesem Jahr auf das vierte Rekordergebnis zu, sie haben Gewinn gemacht und dennoch sollen sie gehen. Bislang wurden stets defizitäre Bereiche an Billigstandorte verlagert. Nur noch vier von zehn Conti-Beschäftigten arbeitet in Deutschland. Conti solle nicht, wie viele deutsche Traditionsunternehmen, irgendwann als „Tochter eines chinesischen Konzerns enden“, begründet Wennemer seine konsequente Orientierung an der Rentabilität, die von seinen Gegenern als herzlos gegeißelt wird.

Unterstützung erfahren die Beschäftigten sogar dort, wo sie es gar nicht erwartet hätten. Das Gremium der Leitenden Angestellten, also Teile des Managements, hat den Vorstand aufgefordert, das Werk zu erhalten. Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Christian Wulff und selbst sein FDP-Wirtschaftsminister Walter Hirche haben versucht, das Management zu überzeugen, den Schließungsbeschluss zu überdenken. Rentabilität sei „keine Frage der deutschen Politik, sondern der weltweiten Märkte“, argumentiert Wennemer. „Um den Vorstand von Conti wird es einsam“, sagt Peter Wind von der IG BCE.

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