Dafür unbezahlte Mehrarbeit
Michelin hält an Deutschland fest

Standort gesichert, Einigung erzielt: Reifenhersteller Michelin fährt gegen den Trend in der Branche und hält an den Werken in Deutschland fest – im Gegenzug arbeiten die Beschäftigten unbezahlt länger. Die Entscheidung kam für Experten überraschend, denn zwei Konkurrenten verlagern ihre Produktion zunehmend.

mwb/dpa STUTTGART. Der französische Reifenhersteller Michelin hat einen Kompromiss mit seinen Beschäftigten gefunden. Der neben Goodyear und Bridgestone zu den drei größten Reifenherstellern der Welt gehörende Konzern will in seine fünf Standorte in Deutschland bis 2012 rund 250 Mill. Euro investieren. Im Gegenzug sollen die 5 600 Beschäftigten in Deutschland von September an unbezahlt 75 Minuten pro Woche länger arbeiten, teilte das Unternehmen am Montag in Frankfurt mit. Damit steigt die Wochenarbeitszeit auf knapp 39 Stunden. Bis 2012 soll es dafür keine betriebsbedingte Kündigungen geben.

Auf diesen „Zukunftspakt“ haben sich das Unternehmen und die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) nach knapp sechsmonatigen Verhandlungen geeinigt. „Wir bekennen uns mit den Investitionen klar zum Standort Deutschland“, betonte der Michelin-Chef für Deutschland, Österreich und die Schweiz, Jürgen Eitel. Die deutschen Werke gehörten bei Produktivität und Qualität zur Weltspitze im Konzern, allerdings sei die Konkurrenz aus Osteuropa groß. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, habe die französische Konzernleitung die hiesigen Werke verpflichtet, ihre Produktivität bis 2010 um 30 Prozent zu steigern. „Ich denke, dass der Pakt eine Chance bietet, langfristig in Deutschland zu bleiben“, sagte Eitel.

Bei Experten stößt Eitel allerdings auf Skepsis. „Es ist schon erstaunlich welchen Optimismus Michelin an den Tag legt“, sagt Analyst Albrecht Denninghoff von der Commerzbank. Der hochprofitable kleinere deutsche Konkurrent Continental setzt konsequent auf die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer. Conti-Chef Manfred Wennemer fährt dabei einen harten Kurs gegen die Gewerkschaften. Die ihrerseits bei Continental wenig Bereitschaft zu Zugeständnissen zeigten.

Auch Goodyear-Chef Robert Keegan hatte Ende Mai im Gespräch mit dem Handelsblatt angekündigt den Anteil der Produktion in Billiglohländern von einem Drittel auf die Hälfte zu erhöhen. Die deutschen Goodyearwerke könnten am Standort nur bestehen, weil sie hochwertige Reifen produzieren und im weltweiten Vergleich den höchsten Qualitätsstandard hätten. Nach Einschätzung von Branchenexperten hilft die jetzige Einigung mit den Arbeitnehmern. Doch Skepsis bleibt. „Ob sich Michelin mit den Investitionen, ein paar Anpassungen und der Mehrarbeit gegen den Verlagerungstrend in der Branche stellen kann, wird eine sehr spannende Frage“, sagte Denninghoff. Im Umkehrschluss hieße das ja, dass Continental mit seinen Verlagerungen übertreibt.

Gewerkschaftsvertreter Hans-Jürgen Patschicke, sprach von harten, aber erfolgreichen Verhandlungen. Das Ergebnis stärke den Standort Deutschland. In anderen Ländern hätten Michelin-Mitarbeiter derzeit Angst um ihren Arbeitsplatz. Daher habe die Belegschaft hier zu Lande die Arbeitszeitverlängerung auf 38,75 Stunden pro Woche auch nicht negativ aufgenommen, betonte Patschicke.

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