Daimler-Hilfskonvoi
Der Krieg ist nicht weit

120 Tonnen Hilfsgüter für Flüchtlinge an der türkisch-syrischen Grenze. Zum dritten Mal hat Daimler seinen „Konvoi of Hope“ auf die Reise geschickt. Eine Mitarbeiterin berichtet von ihren bewegenden Eindrücken.

DüsseldorfDie Überquerung des Bosporus hat Michaela Jung tief beeindruckt. Doch es ist nicht das Postkartenmotiv Istanbuls, nicht die Stadt mit ihrer reizvollen Mischung aus Orient und Okzident, die sich für immer in das Gedächtnis der Hauptkoordinatorin für die Daimler-Mitarbeiterinitiative zur Syrien-Flüchtlingshilfe einbrennen wird. Bleiben wird das Bild eines Kleinkindes in schmutziger Kleidung mit dunklen, zerzausten Haaren. Es steht mitten auf der Schnellstraße und streckt den Autofahrern bittend die Hand entgegen. Neben ihm auf dem harten Straßenbelag liegt die kleine Schwester – noch ein Baby, eingehüllt in eine alte Decke.

Im Hilfskonvoi Richtung türkisch-syrische Grenze kann Jung bereits in Istanbul einen ersten Eindruck von der Lage vor Ort gewinnen. „Die Türken leisten Übermenschliches bei der Betreuung so vieler Flüchtlinge, die sie als Gäste bezeichnen“, urteilt sie. Doch bei mindestens 300.000 Flüchtlingen in der Stadt gebe es einfach Leistungsgrenzen. So viele Kleinstkinder, die um Geld bittend durch die Straßen irrten – das sei schwer zu ertragen.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Zum dritten Mal hat der Automobilkonzern Daimler im Sommer einen „Konvoi of Hope“ an die türkisch-syrische Grenze geschickt. Auf die Beine oder vielmehr auf die Räder gestellt wurde der Konvoi zusammen mit der in Frankfurt ansässigen Hilfsorganisation Luftfahrt ohne Grenzen (LOG), die längst nicht mehr nur auf dem Luftweg Hilfsgüter in Krisenregionen bringt.

Kindernahrung, Windeln, Kleider, Schuhe sowie Decken und Zelte wurden in acht Daimler-Trucks geladen: 120 Tonnen für 30.000 Flüchtlinge in den Lagern Gaziantep und Suruç. Damit „bringe Daimler lebenswichtige Güter auf den Weg, um den Menschen dort zu helfen, wo am besten geholfen werden kann: vor Ort“, sagt Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard.

Angesichts der flüchtenden Menschen, die ihr Heil in Europa und am liebsten in Deutschland suchen, klingt es fast wie eine Binsenweisheit, dass Hilfe trotz aller Willkommenskultur auch vor Ort bei den Flüchtlingen in den Lagern an der türkisch-syrischen Grenze oder im Irak ankommen muss. Doch die würden momentan „ein wenig aus dem Auge verloren“, sagt Alexandra Reuss, Mitarbeiterin von Adidas und zuständig für soziale Projekte. Unternehmen wie der deutsche Sportartikelhersteller, der Medizintechnik-Großhändler Intermedica, die Bahn-Logistiktochter Schenker, Fraport, Condor oder das Familienunternehmen Gebr. Heinemann engagieren sich über die LOG schon länger in den Krisengebieten dieser Welt.

„Allein 2014 haben wir weltweit mehr als eine halbe Million Produkte gespendet“, sagt Adidas-Chef Herbert Hainer. Gefragt sind vor allem Schuhe und Bekleidung, manchmal auch Bälle und andere Sportgeräte zur Freizeitgestaltung.

Unternehmen spenden Produkte, stellen Logistik- und Transportleistungen zu Verfügung, Mitarbeiter sammeln Spenden. Aber persönlich mit einem Konvoi in die nicht ungefährliche Region der syrisch-türkischen Grenze zu fahren, soweit gehen nur wenige. Daimler-Controllerin Jung gehört zu diesen wenigen Ausnahmen. Um zu sehen, wie die Lage vor Ort ist, ob die Hilfslieferung zuverlässig ihr Ziel erreicht, sitzt sie als Beifahrerin im Daimler-Hilfskonvoi, macht sich auf den Weg über Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis ins Grenzgebiet.

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