Daimler minus Chrysler
Name neu, Strategie neu

Ein Konzern nimmt Abschied von seinen Träumen: Nach neun Jahren trennt sich Daimler von seinem US-Partner Chrysler und gibt das ehrgeizige Ziel auf, der größte Automobilunternehmen der Welt zu werden. Die neue Daimler AG ist eine Rückbesinnung auf alte Stärken und eine Absage an strategische Abenteuer.

BERLIN / STUTTGART. Der Zeitplan ist minutiös gesteckt. In der Nacht schwärmen Handwerker aus und schrauben die Schilder mit dem Schriftzug „DaimlerChrysler“ an der Firmenzentrale des Autokonzerns in Untertürkheim ab. Seit heute Morgen ist der Name Chrysler dann endgültig getilgt und ein neues Logo ziert die breite Einfahrt im Schatten des neuen Mercedes-Museums: Daimler AG. Mehr als 200 Mitarbeiter hat das Projekt mit dem eher schlichten Titel „Name Change“ (Namenswechsel) in den vergangenen Wochen beschäftigt. Einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gab Daimler-Chrysler dafür aus, dass tausende Overalls und T-Shirts ausgetauscht, Tonnen von Briefpapier und Visitenkarten neu bedruckt, Werksausweise sowie Schilder vorbereitet wurden. Nichts soll mehr an die leidigen neun Jahre mit dem US-Partner erinnern.

Der Führungszirkel ist auf den Wandel längst eingestimmt. Doch zuvor hatten gestern erst noch einmal die Aktionäre das Wort. Sie mussten auf einer außerordentlichen Hauptversammlung im ICC-Kongressgebäude in Berlin den Namenswechsel symbolträchtig besiegeln. Unternehmenskritiker wie Ekkehard Wenger ließen sich die Chance allerdings nicht entgehen, ein letztes Mal mit der Ära des Zetsche-Vorgängers Jürgen Schrempp und dessen zerplatztem Traum einer Welt AG abzurechnen – auch wenn diese Kritik nicht auf der Tagesordnung stand. Denn die Tilgung des Namens Chrysler ist auch das Ende einer strategischen Irrfahrt des deutschen Konzerns, die Milliardengräber aufriss und kapitale Fehlschläge verursachte.

Die neue Daimler AG ist deshalb auch eine Rückbesinnung auf alte Stärken und eine Absage an strategische Abenteuer, die den Konzern in den vergangenen 20 Jahren kräftig durcheinander gewirbelt haben. Der neue Name solle deutlich machen, dass Daimler nicht mehr mit dem Konzern zu vergleichen sei, der er vor zehn oder 20 Jahren war, begründete Zetsche, warum der Konzern nicht zum Namen Daimler-Benz zurückkehrt. Und tatsächlich haben die gescheiterten Visionen der ehemaligen Konzernchefs Edzard Reuter und Jürgen Schrempp Deutschlands bekanntesten Industriekonzern völlig verändert und Milliarden Euro gekostet.

Reuter, der von 1987 bis 1995 an der Spitze stand, wollte aus dem Autobauer einen integrierten Technologiekonzern schmieden, der nicht nur in allen Ländern, sondern auch in vielen Branchen vertreten ist. Unter dem Stern sollte sich deutsche Spitzentechnologie versammeln, zu Land und in der Luft, zum Wohle des Konzerns und der ganzen Bundesrepublik. Mit den prall gefüllten Kassen des Autokonzerns im Rücken, stürzte sich der Vorstandschef in einen wahren Kaufrausch: Nicht nur AEG, auch der Raumfahrtkonzern MBB ging in Daimler-Besitz über. Die Flugzeugbauer Dornier und Fokker, der Triebwerksspezialist MTU und das Systemhaus Cap Gemini folgten. Doch die Idee scheiterte grandios. Reuters ging als größter Kapitalvernichter in die deutsche Firmengeschichte ein. Doch dann machte ihm sein Nachfolger Jürgen Schrempp diesen Rang streitig.

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