Das Erbe des Berthold Beitz: Ikone vor dem Abriss

Das Erbe des Berthold Beitz
Ikone vor dem Abriss

Der Nachlass von Stahlikone Berthold Beitz steht zum Verkauf. Nun streiten die Experten, ob seine ehemalige Villa unter Denkmalschutz gestellt werden muss. Am Ende könnte der Bungalow sogar abgerissen werden.
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EssenEr wollte keine muffige Fabrikantenvilla, sondern einen modernen Bungalow. Darauf bestand Berthold Beitz, als er 1953 sein Amt als neuer Generalbevollmächtiger von Thyssen-Krupp antrat. Und so wurde mit Ferdinand Streb ein Jugendfreund beauftragt, dem mächtigen Industriellen eine neue Heimat zu entwerfen. Streb hatte mit dem „Alsterpavillon“ in Hamburg Aufsehen erregt und galt als bedeutender Vertreter der modernen Architektur.

Für Beitz entwarf Streb mitten im attraktiven Essener Stadtteil Bredeney einen Bungalow, der damals als „Meisterwerk der Moderne“ gepriesen wurde – mit Sonnenterrasse und großen Fenstern. Fast wie der Kanzlerbungalow in Bonn. Er sollte über sechs Jahrzehnte die Heimat des Firmenpatriarchen werden, bis zu seinem Tod vor zwei Jahren. Auch wenn Beitz hier lebte, blieb das Gebäude im Besitz des Konzerns.

Mit dem Tod von Beitz blickt nun auch sein Bungalow einer ungewissen Zukunft entgegen. Das einstige „Meisterwerk der Moderne“ wirkt in seiner ganzen Ästhetik etwas aus der Zeit gefallen.

Drei Hektar Park umschließen den Bungalow - ein Filetgrundstück im Essener Süden mit unverbaubarem herrlichen Blick auf das Naherholungsgebiet Baldeneysee und die Villa Hügel. Kein Wunder, dass die Immobilienentwickler Schlange stehen, seit der Konzern seine Verkaufsabsichten öffentlich gemacht hat. Der krisenschüttelte Industrieriese hat genug von seinen Besitztümern abseits des Kerngeschäfts und wittert hier eine gute Gelegenheit, um sich der Vergangenheit zu entledigen. Der Wert des Geländes wird nach Informationen der „Bild“ auf zehn Millionen Euro geschätzt. Außer der Erinnerung an das Erbe von Beitz finden sich nur wenige Argumente, das Gebäude zu erhalten.

Ob die Villa am Ende sogar abgerissen werden kann, hängt von ihrem historischen Wert ab. Längst mehren sich in Essen und darüber hinaus die Stimmen, die den Wohnsitz der Industrieikone unter Denkmalschutz stellen wollen – so wie den Kanzlerbungalow. Doch daraus wird wohl nichts.

Bei der Stadt gibt es wenig Interesse, das Gebäude zu erhalten. „Unter den Beispielen für Villen-Architektur der 1950er-Jahre hat das Haus keinen besonderen Wert“, wird Petra Beckers, Leiterin der Essener Denkmalbehörde, in der „WAZ“ zitiert. Ihre Meinung wird in der Denkmalbehörde der Stadt Essen und der oberen Denkmalpflege mehrheitlich geteilt. Für die Villa zeichnet sich ein Ende mit der Abrissbirne ab.

Eine Entscheidung, die von anderen Experten deutlich kritisiert wird. Denn nicht nur die Architektur, sondern auch der zeitgeschichtliche Wert entscheide über den Denkmalschutz, gibt Gerd-Ulrich Kapteina in der „WAZ“ zu bedenken. Der Richter am Verwaltungsgericht Düsseldorf ist Vorsitzender des Arbeitskreises Essen 2030 und kennt sich aus in Denkmalfragen. Aus seiner Sicht steht fest: In Nordrhein-Westfalen gebe es kaum ein weiteres Privathaus, in dem so viele Staatsmänner und Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte zu Gast gewesen seien.

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Ikone vor dem Abriss

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Ein Bruch mit der Tradition

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