Das Unternehmen veröffentlicht die wöchentlichen Briefe seines Ex-Chefs an die Mitarbeiter
ABB: Dormanns goldene Worte

Ein Jahr nachdem der drahtige ABB-Kapitän Jürgen Dormann seinen Rückzug von der operativen Spitze bekannt gab und nur acht Monate nachdem der letzte Brief geschrieben war hat das Unternehmen jetzt die goldenen Worte des Chefs in Buchform herausgegeben.

So einfach, so schlicht und doch so ergreifend: In weißem Einband mit dem unscharfen Bild eines Kugelschreibers als einziger Illustration kommen die „Dormann Letters“ daher – jene Briefe, die der ehemalige Chef und jetzige Verwaltungsratspräsident des Schweizer Technologiekonzerns ABB den mehr als 100 000 Mitarbeitern immer freitags geschickt hat. Ursprünglich waren sie nach dem Wochentag ihres Erscheinens „Freitags-Briefe“ genannt worden. Jürgen Dormanns persönliche Wortwahl ließ sie aber schnell zu „Dormann-Briefen“ werden. Und weil sich am Ende der Erfolg im Unternehmen einstellte, sah der Titelheld keinen Anlass, bei der Namensgebung nachzubessern.

Ein Jahr nachdem der drahtige ABB-Kapitän seinen Rückzug von der operativen Spitze bekannt gab und nur acht Monate nachdem der letzte Brief geschrieben war hat das Unternehmen jetzt die goldenen Worte des Chefs in Buchform herausgegeben. Das geschehe nicht aus nostalgischen Gefühlen heraus, sondern um zu zeigen, wie ein Unternehmen, dem es schlecht geht, den Wandel schafft, schreibt Dormann im Vorwort des 338 Seiten dicken Briefwechsels.

Wobei „Wechsel“ das falsche Wort ist: Dormann schrieb fleißig und wahrscheinlich nicht mit Kugelschreiber, seine Kommunikationsabteilung sorgte für die Übersetzung in 15 Sprachen und den Versand per Email. Sie schuf auch den „Feedback-Knopf“ am Ende jeder Mitteilung, den Mitarbeiter drücken konnten, die dem Chef ihre Meinung sagen wollten. 4 500 solcher Rückmeldungen hat Dormann auf seine mehr als 100 Briefe erhalten, die er zwischen September 2002 und Dezember 2004 unters ABB-Volk streute. Betriebsräte sind darunter, die um das Überleben ihres Betriebszweigs kämpften. Direkt geantwortet hat er nicht ein einziges Mal, aber gelesen habe er jede einzelne Meinung, versichert Dormann. Die Themen habe er in einem seiner nächsten Briefe aufgegriffen. Die Offenheit der Briefe habe einen neuen Ton gesetzt, der für den Wandel sehr wichtig war, glaubt ABBs oberster Kommunikationschef Björn Edlund.

Der erste Brief ist einfach, aber prägnant: „Ich schreibe Euch, nachdem ich Chef von ABB geworden bin“, leitet Dormann ein. Dann: „Wir müssen unsere neue Strategie schneller umsetzen. Unsere Zukunft hängt davon ab.“ Zum Schluss der Satz: „Nächste Woche hört Ihr mehr von mir.“ Später wird der Chef erstaunlich offen, wenn er im März 2004 einräumt: Die Konkurrenten „Siemens, Honeywell, Schneider und Rockwell sind in besserer Verfassung als ABB“. Alstom und Invensys in schlechterer. Warum? Nun: ABB habe immerhin seine Fehler erkannt und Konsequenzen daraus gezogen. Da seien die Schweizer weiter als die Nachzügler. Die anderen hätten allerdings von vornherein weniger Fehler gemacht. Deswegen stünden sie besser da.

Zum Ende seiner Amtszeit erlaubt sich Dormann, fast so etwas wie persönliche Worte: „Es scheint“, schreibt er am 22. Dezember 2004, „als sei es gestern, dass ich begann, diese Briefe an Euch zu schreiben.“ Anschließend folgen Dormanns zehn Gebote zur Unternehmensführung. Eines lautet: „Erklär den Leuten, was Du erwartest. Benutze eine klare Sprache.“ Ein anderes: „Verlange nichts von den Leuten, was Du nicht selbst zu tun bereit wärst.“

Hätte das Buch damit das Zeug zum Bestseller? Dormann will es darauf dann doch nicht ankommen lassen. Offenbar sieht er seinen Platz noch nicht als Memoirenschreiber. Im Buchhandel sind seine Werke nicht zu kaufen. ABB verlegt das Werk lieber selbst.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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