DDR-Häftlinge
Ikea will Zwangsarbeit-Vorwürfe aufklären

Nach Wochen des Schweigens hat Ikea erklärt, sich um die Vorwürfe ehemaliger DDR-Häftlinge zu kümmern. Diese verlangen eine Entschädigung, weil sie in Haft für den Möbelriesen unter Zwang schuften mussten.
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Hofheim-Wallau/DüsseldorfDer Möbelkonzern Ikea will seine mögliche Verstrickung in Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen aufklären. Das Unternehmen richtet dazu eine Telefon-Hotline ein und bittet um Informationen, unter welchen Bedingungen Ikea-Produkte in der früheren DDR hergestellt wurden. Daneben laufe eine unabhängige externe Untersuchung, teilte Ikea am Montag an seinem Deutschland-Sitz in Hofheim-Wallau (Hessen) mit.

In jüngster Zeit hatten frühere DDR-Häftlinge den Vorwurf erhoben, sie hätten im Gefängnis auch an Ikea-Produkten arbeiten müssen. Ikea verurteile die Beschäftigung von politischen Gefangenen in der Produktion, erklärte das Unternehmen. Vorwürfe, dass dies auch in der DDR in den 60er und 80er Jahren geschehen sein soll, würden sehr ernstgenommen. „Sollte das tatsächlich passiert sein, so ist dies völlig unakzeptabel und zutiefst bedauerlich“, hieß es.

Ehemalige politische Gefangene der DDR hatten den schwedischen Möbelhersteller Ikea Anfang Mai dazu aufgefordert, sie finanziell für ihre Zwangsarbeit bei dem Konzern zu entschädigen. „Ikea soll ehrlich sein und sagen, wie viele Zwangsarbeiter genutzt wurden. Wenn der Konzern einen wirtschaftlichen Vorteil von diesem Arrangement hatte, dann sollte man auch über eine Entschädigung sprechen“, sagte Dieter Ott dem Handelsblatt. Er kam 1986 in Haft, weil er sich als 22jähriger kritisch gegen die Reisebeschränkungen in der DDR geäußert hatte.

Die Bedingungen, unter denen er Schrankscharniere, Türgriffe und Stuhlroller für Ikea herstellte, beschreibt Ott als menschenunwürdig. „Der Bus, der uns zur Ikea-Arbeit brachte, war vergittert. Wir fuhren durch ein großes Metalltor, und sobald wir in dem Gebäude waren, gab es nur noch Neonlicht. Kein Fenster, keine Sonne.“ Nach Angaben von Ott wurde sein erarbeitetes Geld bei seiner Ausreise einbehalten.

Neben Ikea haben auch andere westliche Konzerne für ihre Produktion auf ostdeutsche Zwangsarbeiter. Die ehemalige DDR-Gefangene Tatjana Sterneberg berichtet im Handelsblatt, wie sie zwischen 1974 und 1976 als Inhaftierte des berüchtigten Frauengefängnisse Hoheneck Bettwäsche für Quelle und Neckermann nähen musste.

„Es war schrecklich“, sagt Sterneberg. „In einem auf 650 Gefangene konzipierten Zuchthaus saßen 1974 über 1600 Frauen ein. Meine Zelle war 30 Quadratmeter groß, hatte 24 Schlafplätze. Es gab drei Wasserhähne und nur eine Toilette.“

Nach Sternebergs Angaben galt in dem Frauengefängnis ein eisiges Regime. „Manche Häftlinge haben wegen der Misshandlungen auch die Arbeit verweigert oder sind in den Hungerstreik getreten. Dann wurde im Einzel- oder strengen Arrest das Wasser abgedreht: Dunkler Keller, 200 bis 300 Gramm Brot pro Tag, jeden vierten Tag eine warme Suppe“, erzählt Sterneberg.

Sie habe Quelle schon vor vielen Jahren angeschrieben, um eine Entschuldigung zu erhalten, aber keine Antwort bekommen. Sterneberg: „Ich finde es empörend, dass sich diese Westfirmen auf dem Rücken der politischen Gefangenen der DDR bereichert haben. Das ist eine Schande.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

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