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29.10.2007 
Solarunternehmen

Der Boom und die Bremse

von W. Gillmann

Nur wenige Branchen haben in den vergangenen Jahren einen Boom wie die Solarunternehmen erlebt. Doch obwohl Analysten und Marktforscher kein Ende des steilen Wachstums sehen, steht der Solar-Boom vor einem grundsätzlichen Problem: Die Versorgung mit Rohstoffen muss mit der stetig steigenden Nachfrage Schritt halten – doch 2008 stehen die Chancen dafür eher schlecht.

Eine Mitarbeiterin der ersol Thin Film GmbH prüft ein Testmuster der gefertigten Dünnschichtmodule. Foto: dpaLupe

Eine Mitarbeiterin der ersol Thin Film GmbH prüft ein Testmuster der gefertigten Dünnschichtmodule. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger rechnet für die nächsten Jahre mit jährlichen globalen Steigerungsraten von 20 Prozent für die Erzeugung von Strom aus Sonnenlicht. Die staatliche Förderung der alternativen Energien in vielen Ländern hat die Nachfrage angekurbelt. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesverbandes Solarwirtschaft 220 000 neue Solaranlagen im Wert von rund fünf Mrd. Euro installiert, ein Plus von 60 Prozent. Deutschland ist so zum größten Solarmarkt weltweit geworden, und die deutschen Hersteller zählen zu den größten Anbietern mit enormen Renditen und Bewertungen an den Börsen.

Zuletzt sind aber Zweifel an den günstigen Prognosen der Solar-Branche aufgekommen. Der Solar- und Windkraftanlagenherstellers Conergy hat den gesamten Markt am vergangenen Freitag mit einer Gewinnwarnung geschockt. Die Aktie brach zeitweise um mehr als ein Drittel ein.

Der Solar-Boom beschert Herstellern wie Conergy ein Problem. Mit der sprunghaft gewachsenen Nachfrage hat die Versorgung mit den nötigen Rohstoffen nicht Schritt gehalten. Die Sicherung des Siliziums, Ausgangsmaterial für die Solarzellen, hat sich für die Branche zum Flaschenhals entwickelt – mit dramatischen Folgen, wie das Beispiel Conergy zeigt. Noch verwenden fast alle Hersteller Silizium als Ausgangsmaterial. Alternativen wie die Dünnschichttechnologie sind erst im Aufbau. Hersteller von Silizium wie Wacker verdienen sich derzeit goldene Nasen mit dem begehrten und deshalb teurem Rohstoff. Sie investieren in neue Kapazitäten, doch bis diese an den Markt kommen, kann es noch dauern. Zumindest 2008 wird die Knappheit anhalten.

Denn die Solarindustrie baut ihre Kapazitäten auch aus. In diesem und im nächsten Jahr entstehen etwa 15 neue Fabriken, vor allem in Ostdeutschland. Der Bundesverband Solarwirtschaft erwartet, dass Deutschland im nächsten Jahr Weltmarktführer in der Produktion von Solarzellen wird und den bisherigen Spitzenreiter Japan überholt.

Die Solarindustrie hat auf die anhaltende Knappheit des Siliziums unterschiedlich reagiert. Einige haben sich mit den Siliziumproduzenten für den Bau neuer Werke in Joint Ventures zusammen geschlossen, andere haben langfristige Lieferverträge vereinbart.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kurssturz bei Conergy

Die Gewinnwarnung von Freitag hat der Conergy-Aktie den höchsten Tagesverlust seit dem Börsengang im März 2005 beschert. Der Kurs stürzte um bis zu 35 Prozent ab. Der umsatzstärkste deutsche Solarkonzern hatte mitgeteilt, dass der Jahresüberschuss für 2007 nicht wie noch Anfang Oktober bekräftigt 60 Mill. Euro betragen, sondern ein Verlust anfallen werde. Der Vorstand gab Lieferverzögerungen bei Modulen die Schuld. Diese würden nicht wie erwartet im vierten Quartal geliefert und würden zu Umsatzeinbußen von 130 Mill. Euro führen. Conergy beeilte sich zwar, noch am Freitag eine Meldung über die Lieferung von Siliziumscheiben (Wafer) im Volumen von bis zu acht Mrd. Dollar nachzuschieben, doch diese Lieferungen beginnen erst im Juli 2008.

Das Vertrauen in die Aktie und das Unternehmen wurden nachhaltig gestört, denn noch Anfang Oktober hatte das Unternehmen Gerüchte über Lieferschwierigkeiten zurückgewiesen. Allerdings wurde die Ablösung des Finanzchefs bereits als schlechtes Zeichen aufgenommen und ließ die Aktie um bis zu neun Prozent fallen. Jetzt haben Analysten reihenweise die Empfehlung für die Conergy-Aktie gesenkt. Die Commerzbank stufte das Papier von „Kaufen“ auf „Verkaufen“ herunter.

Offensichtlich rächt es sich für Conergy, dass der Vorstand im November vergangenen Jahres eine radikale strategische Wende vollzogen hat. Bis dahin konzentrierte sich das Unternehmen auf die Projektierung und den Verkauf von Anlagen im Bereich der erneuerbaren Energien. Nun möchte Conergy ein integrierter Solarkonzern mit eigener Fertigung werden, ohne die Geschäftsbereiche Biomasse, Wind und Solarwärme aufzugeben. Die Hälfte des Umsatzes soll weiterhin außerhalb der Photovoltaik und außerhalb Deutschlands erzielt werden. Mit Investitionen von 250 Mill. Euro baut Conergy in Frankfurt/Oder am Standort der projektierten Chipfabrik eine Fabrik zur Fertigung von Wafern, Zellen und Modulen für Solarstrom mit rund 1 000 Beschäftigten. Den dafür benötigten Rohstoff Silizium kauft das Unternehmen weiter zu.

Analysten äußerten gleich Zweifel, ob dieser Strategieschwenk richtig sei. Bisher hatte der Vorstand den Verzicht auf eine eigene Produktion vor allem wegen der geringeren Fixkosten stets als Wettbewerbsvorteil ins Feld geführt. Die fehlende Erfahrung in der Fertigung sahen viele Analysten als Manko an. Vor allem aber kritisierten die Marktbeobachter, dass Conergy nicht wie zunächst geplant auch eine eigene Siliziumproduktion aufbaut oder sich zumindest an einem Hersteller beteiligt. Conergy kauft das knappe Silizium nach wie vor am Markt zu und war bisher nur kurzfristig abgesichert. Es waren bisher keine langfristigen Lieferverträge abgeschlossen worden. Der Vorstand rechnete mit einem Überangebot an Silizium von 2008 an und daher mit fallenden Preisen.

Mit dieser Strategie ist der Vorstand gescheitert. Jetzt hat er nicht nur Lieferprobleme eingeräumt, sondern auch einen langfristigen Liefervertrag abgeschlossen, der Lieferungen bis zum Jahr 2018 sichern soll.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wettbewerber unter Druck

Nach der Gewinnwarnung von Conergy beeilte sich der Konkurrent Q-Cells seine bisherige Prognose für das Geschäftsjahr 2007 zu bekräftigen. Man sehe keine Probleme auf sich zukommen, sagte ein Unternehmenssprecher. Das Unternehmen aus Thalheim in Sachsen-Anhalt erwartet einen Anstieg des Umsatzes um 30 Prozent auf 800 Mill. Euro. Für das nächste Jahr peilt Q-Cells mindestens eine Mrd. Euro an und 2009 sollen es mindestens 1,4 Mrd. Euro werden. Auch das Ergebnis soll kräftig gesteigert werden.

Das 1999 gegründete Unternehmen, das im ersten Halbjahr 2001 mit 19 Personen die Produktion startete, hat sich auf die Fertigung von Solarzellen konzentriert und ist mit dieser Strategie bisher sehr gut gefahren. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen rund 1 300 Personen und hat sich zum nach der japanischen Sharp zweitgrößten Hersteller von Solarzellen der Welt hochgearbeitet.

Q-Cells hat seine Kapazität kontinuierlich erweitert. Ende Oktober hat das Unternehmen die fünften Produktionslinie in Betrieb genommen, die zwei Drittel der gesamten bisherigen Produktion abdeckt. Eine sechste Fertigungslinie ist bereits in Planung. Im ersten Halbjahr lag die Produktion um 42 Prozent über der gleichen Vorjahreszeit. Knapp 60 Prozent der Produkte gehen in den Export. Auch über Beteiligungen baut Q-Cells seinen internationalen Absatz aus. So hat das Unternehmen im Juli die Beteiligung an der im Silicon Valley ansässigen Solaria Corporation von 12,4 auf 33 Prozent erhöht. Q-Cells wird über zehn Jahre große Mengen Solarzellen an den amerikanischen Partner liefern.

Auch an den Herstellern von Wafern und Solarzellen EverQ und CSG hat sich das Unternehmen aus Ostdeutschland beteiligt und so zusätzliche Absatzpotenziale erschlossen. Am Freitag teilte Q-Cells mit, das Gemeinschaftsunternehmen EverQ demnächst an die Börse bringen zu wollen. Damit erhalte das Gemeinschaftsunternehmen mehr Unabhängigkeit von den Muttergesellschaften und einen eigenen Marktauftritt.

Im Gegensatz zu Conergy hat sich Q-Cells seine Rohstoffbasis langfristig gesichert. Das Unternehmen ist an dem großen Siliziumhersteller REC aus Norwegen beteiligt. Dadurch ist die Versorgung mit dem knappen Ausgangsstoff für die Solarzellen bis 2010 gesichert. Gleichzeitig profitiert Q-Cells von den hohen Gewinnen, die derzeit die Siliziumproduzenten einfahren. Im ersten Halbjahr steuerte die Beteiligung rund ein Sechstel des Q-Cells-Gewinn bei.

Mit dieser Strategie, sich auf die vorderen Wertschöpfungsstufen der Fertigung von Fotovoltaik-Anlagen zu konzentrieren, ist Q-Cells bisher sehr gut gefahren. Die Börse hat das Unternehmen mit rund sechs Mrd. Euro bewertet. Dies ist mehr als für den kleinsten Dax-30-Wert Tui. Trotzdem haben Analysten das Unternehmen bis vor kurzem noch für unterbewertet gehalten. Sie loben die langfristig gesicherte Versorgung mit Silizium, die Beteiligungen an zukunftsträchtigen Partnern und auch den Einstieg in die zukunftsträchtige Dünnschichttechnik.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Analysten-Liebling

Auch die Aktien des Bonner Solarkonzerns Solarworld haben am Freitag unter dem von Conergy ausgelösten allgemeinen Druck auf die Solaraktien gelitten. Allerdings traf es Solarworld längst nicht so hart wie Conergy. Mit einem Rückgang von rund 3,5 Prozent ist Solarworld immer noch mit rund 4,7 Mrd. Euro bewertet – nicht schlecht für ein Unternehmen mit nur etwa 500 Mill. Euro Umsatz. „Wir liegen bei Umsatz und Gewinn voll auf Kurs“, sagte Gründer, Großaktionär und Vorstandsvorsitzender Frank Asbeck, um die Sorgen über eine allgemeine Branchenkrise zu zerstören. Am 5. November werde das Unternehmen „ordentliche“ Neunmonatszahlen vorlegen.

Solarworld ist einer der Lieblinge der Analysten, da das Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette der Fotovoltaik präsentiert: Von der Herstellung des Siliziums bis zur schlüsselfertigen Solaranlage haben die Rheinländer alles im Programm, direkt oder über Joint Venture oder Beteiligungen und Kooperationen. Anfang des Jahres ist Solarworld über zwei Joint Venture mit Degussa und Scheuten Solar direkt in die Siliziumproduktion eingestiegen.

Durch die Übernahme des überwiegenden Teils der Solaraktivitäten von Shell hat das Unternehmen vor allem seine Präsenz auf der Absatzseite in den USA kräftig ausgebaut und sieht sich dort als größter Anbieter von Fotovoltaik. In Kalifornien baut Solarworld die größte Fabrik für Solarmodule der USA und im US-Staat Oregon errichtet Solarworld die größte Wafer- und Solarzellenfabrik der USA. Allerdings haben die Aktivitäten in den USA noch nicht die Gewinnschwelle erreicht. Die Belastungen aus der Übernahme von Shell dürften dazu führen, dass Solarworld 2007 die Margen nicht steigern kann.

Inzwischen verfügt der Konzern über Standorte in Deutschland, Asien, Schweden, Spanien, Südafrika und den USA. Vor kurzem hat das Unternehmen den Bau einer Fabrik für Solarzellen und Module mit einem lokalen Partner in Südkorea angekündigt, die Ende des nächsten Jahres die Fertigung aufnehmen soll. Die Wafer für die Fabrik liefert Solarworld aus eigener Fertigung. Inzwischen erzielt Solarworld rund 60 Prozent seines Umsatzes im Ausland.

Doch auch am sächsischen Standort Freiberg baut Solarworld die Kapazitäten kräftig aus. Dort entsteht für 600 Mill. Euro eine weitere Fabrik mit rund 1 000 Beschäftigten, was die Kapazität der Waferproduktion von 2008 an verdoppeln wird.

Dass auch für Solarworld die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen, zeigte sich im Frühjahr bei der Bilanzpressekonferenz. Als Finanzchef Philipp Koecke für 2007 ein Wachstum von Umsatz und operativem Ergebnis von „nur“ 20 Prozent ankündigte, zeigten sich die Anleger ziemlich enttäuscht und die Aktie fiel gleich um fast vier Prozent. Denn im Vorjahr hatte es ein Plus von 45 Prozent beim Umsatz und eine Verdoppelung des Ergebnisses gegeben. Die Erwartungen sind bei den erreichten hohen Bewertungen hoch, da können auch geringe Zuwachsraten schnell zu Enttäuschungen bei Anlegern führen.

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