Großmann will RWE
aus der Buhmannecke herausholen. Das "R" und das "W" im Firmennamen soll nicht mehr mit "Räuber" und "Wegelagerer" übersetzt werden, fordert er vor den Beschäftigten. Ihm schwebt eher "Raising Wealth for Europe" als Übersetzung für RWE
vor.
Er, der in Mülheim an der Ruhr geboren wurde, bereist auch offensiv die Ruhrregion - die Heimat von RWE,
in der Harry Roels nie ankam. Großmann macht sich Seite an Seite mit Evonik -Chef
Werner Müller für einen neuen Großflughafen an der Ruhr stark, er spricht auf Empfängen der Stadt Gelsenkirchen und der IHK Bochum, und er verbringt den Feierabend in einem Haus am provinziell-idyllischen Niederrhein.
Dabei hatten ihm die RWE
-Aufseher
seinen Start unnötig schwergemacht. Anfang 2007 riefen sie Großmann zum Nachfolger von Roels aus - der sollte aber noch seinen Vertrag bis Ende Januar 2008 erfüllen. Großmann nutzte die Zeit, seinen neuen Arbeitgeber in Gesprächen mit Managern und Bankern ausführlich zu analysieren. Schnell ist ihm klar, was er ändern will. Beispiel: "Muss eine Tochter, die Autos betankt, als AG organisiert sein?" fragt er spöttisch mit Blick auf RWE Systems, die auch den Fahrzeugpark managt.
Hängepartien sind nichts für Jürgen Großmann. Er drängt und drängt und drängt. Im Oktober tritt Harry Roels endlich ab.
Seitdem macht der neue RWE
-Boss
Tempo. Am 11. Oktober, nicht mal zwei Wochen im Amt, stellt er sich erstmals den Analysten. Bei denen besaß sein Vorgänger einen glänzenden Ruf - den Wechsel hatten viele Finanzprofis mit Herabstufungen der RWE
-Aktie
quittiert. Auf dem "Capital Market Day" des Unternehmens skizziert Großmann im gedeckten Anzug mit Weste, roter Krawatte, weißem Einstecktuch und in sicherem Englisch die Grundzüge seiner neuen Strategie. Roels? strikte Finanzziele wolle er einhalten, aber zugleich nach Zukäufen Ausschau halten. Potenzielle Zielgebiete? Die Türkei und Russland, sagt Großmann.
Ende Oktober, kaum einen Monat im Amt, stürmt der Quereinsteiger auf die politische Bühne. Er nutzt das provinzielle Ambiente der "Niedersächsischen Energietage" im Convention Center der Hannover-Messe, gerade mal 150 Branchenvertreter sind präsent, für eine vollmundige Grundsatzrede - und schlägt einen "Energiepakt" vor. Er wirft seiner Branche Versäumnisse im Umgang mit den Kunden vor, will die aufgeheizte energiepolitische Debatte beenden und regt ein Treffen von Energiekonzernen, Politik und Verbrauchern an - wenn möglich noch 2007 und am besten auf einer Nordseeinsel, weil es da so schön abgeschieden ist. In einem ersten Entwurf seiner Rede wollte er Borkum vorschlagen, bis Großmanns Beratern auffiel, dass vor Borkum ein Windpark geplant ist - nur leider ohne Beteiligung von RWE.
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