"Der Druck kommt einer Vergewaltigung gleich"
Länger leben mit Alstom

Philippe Jaffré steigt vom Podium herab und fingert eine Marlboro aus dem Schächtelchen. Aber die Zigarette hat Glück: Sie darf noch ein paar Minuten länger leben, denn zum Anzünden kommt Jaffré nicht. Er hat noch etwas zu sagen, die Adressaten sitzen in München: „Wenn Siemens an Alstom interessiert ist, dann sollen sie uns doch ein Übernahmeangebot machen: Wir sind an der Börse nur zwei Milliarden Euro wert. Dann entscheiden die Aktionäre.“ Der Druck, den Siemens in den vergangenen Wochen auf Alstom ausgeübt habe, „kommt einer organisierten Vergewaltigung gleich“.

Jaffré ist Finanzvorstand des angeschlagenen Mischkonzerns Alstom. Der darf länger leben, weil die EU-Kommission den Einstieg des französischen Staates als Retter mit bis zu 31,5 Prozent des Konzernkapitals genehmigen will. Siemens hatte gehofft, die Schwäche des Konkurrenten nutzen zu können, um Teile von Alstom zu übernehmen. Nach langem Feilschen mit der EU-Kommission hat Alstom nun vier Jahre Zeit, „industrielle Partnerschaften“ zu schließen, um langfristig überleben zu können.

Auch wenn ihr Konzern dem Pleitegeier – mit robuster Hilfe des französischen Finanzministers Nicolas Sarkozy – gerade noch einmal aus den Klauen geflutscht ist und sie soeben fürs Geschäftsjahr 2003/2004 einen Nettoverlust von 1,8 Milliarden Euro bekannt geben mussten: Zu Bescheidenheit sind Jaffré und sein Chef Patrick Kron nicht aufgelegt.

Wie selbstverständlich reden sie den Rettungsplan schön und den – verärgerten, aber am Mittwoch offiziell schweigenden – Konkurrenten Siemens herunter. So bestätigen sie all jene, die den Franzosen vorwerfen, einen Wirtschaftsnationalismus wie unter Ludwig XIV. zu pflegen. Auch wenn Frankreichs Politiker und Manager das zurückweisen mit der Versicherung, Frankreich wolle „europäische Champions“ schaffen.

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