Der Fall Condomi
Nur noch eine leere Hülle

Die Aktie vom Handel ausgesetzt, der Chef verschwunden, das Amtsgericht ermittelt: Die Aktionäre der Condomi AG stehen vor dem Totalverlust. Die Wurzeln des Übels liegen nicht weit zurück, mitten in der Partyzeit des Unternehmens.

KÖLN. Er war erfolgreicher Jungunternehmer, gefeierter Medienstar, der Kondomkönig von Köln. Seit Oliver Gothe 1988 gemeinsam mit Studienfreunden Condomi, „das Fachgeschäft für Erektionsbekleidung“ eröffnete, ging es für den sympathischen Kumpeltyp immer nur bergauf. 1997 übernahm er eine Kondomfabrik in Erfurt, 1999 ging sein Unternehmen an die Börse. 2001 sprach er von Weltmarktführerschaft. Gothes Condomi-Aktien waren mehr als dreißig Millionen Euro wert. Heute kann er sie nicht mal mehr handeln.

Oliver Gothe wirkt niedergeschlagen, als er in einem Kölner Cafe sitzt und in Jeans und Sweatshirt seine Geschichte erzählt. Seine Aktienmillionen haben sich in Schulden verwandelt, der Vater dreier Kinder schlägt sich als Berater in der Kondom- und Erotikbranche durch. Alles, wofür er je gearbeitet hat, befindet sich in fremder Hand. Geschäftspartner aus Polen haben Markenrechte, Kunden und die Produktion an sich gerissen. Doch Gothes Name steht noch immer für Condomi, und deshalb fühlt sich der 37-jährige oft nicht mehr wohl, wenn er durch Köln geht. Freunde könnten ihn ansprechen, Menschen, die ihm vertraut haben und mit seinen Aktien viel Geld verloren. „Was soll ich denen sagen“, fragt Gothe und seufzt. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so etwas möglich ist.“

Keine Bilanz, keine Dividende, nur noch eine leere, leblose Hülle. Es ist kein Spaß, in diesen Tagen Aktionär der Condomi AG zu sein. Anrufe bei der Firma landen bei der falschen Adresse, der Vorstand der Gesellschaft ist nicht aufzufinden. Seit Jahren legt die Condomi AG keine Geschäftszahlen mehr vor. Dies verstößt sowohl gegen das Wertpapierhandelsgesetz als auch gegen das Handelsgesetzbuch. Doch sämtliche Mahnungen der Deutschen Börse bleiben ohne Antwort, bereits verhängte Ordnungsgelder werden einfach nicht bezahlt. Tausenden von Condomi-Aktionären ist bis heute unbekannt, dass sie nur noch die Anteilsscheine einer Geisterfirma halten.

Die Wurzeln des Übels liegen nicht weit zurück, mitten in der Partyzeit des Unternehmens. Nach dem Börsengang 1999 jagt die Condomi-Aktie von einem Rekord zum nächsten, Anleger kaufen auch dann noch, als der Kurs beim 250fachen des Gewinns liegt – ein absurdes Verhältnis. Andererseits: an guten Nachrichten herrscht kein Mangel. Condomi ist in mehreren Dutzend Ländern aktiv und zieht reihenweise Großaufträge an Land: 16 Millionen Kondome für Pakistan, 50 Millionen für Kenia, 53 Millionen für Nigeria. Condomi investiert 35 Millionen Euro in eine Fabrik in Erfurt. 15 Millionen Euro stammen aus öffentlichen Fördertöpfen. Die Produktionskapazität steigt auf 720 Millionen Kondome pro Jahr.

Gothe verzieht die Miene, wenn er sich an diese Zahlen erinnert. Er weiß heute, was er schon damals hätte wissen sollen. Für Staatsaufträge wie die aus Nigeria lassen sich rund drei Cent pro Kondom erzielen. Condomi kalkuliert vorab mit Produktionskosten von einem Cent – ein vermeintlich sattes Geschäft. Im Tagesgeschäft stellt sich dann aber heraus: Condomi kann die Gummis weder für einen, noch für zwei, oft nicht einmal für drei Cent herstellen. Die Staatsaufträge, 40 Prozent des Umsatzes, bringen keinen Gewinn.

Zu den Fehlkalkulationen gesellen sich Fehlinvestitionen. Während der Internethysterie steckt Gothe Millionenbeträge in Medienpartnerschaften und Unternehmen, die wenig später am Boden liegen. Schon 2003 geistert das Wort Insolvenz um die Condomi AG – Gothes Firma hat 37 Millionen Euro Schulden - fast doppelt so viel wie Umsatz. 2004 scheint es für lange Zeit so, als ob der Erotikkonzern Beate Uhse als Retter einsteigt. Doch die Verhandlungen scheitern. Condomi steht vor dem Aus.

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