Der Kanzler fliegt nach Tokio – ein Besuch war längst überfällig
Japan spielt für Deutschland nur noch in der zweiten Liga

Wie gut, dass es den Fußball gibt. Wäre Deutschland nicht ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gekommen und hätte Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi aus diesem Anlass Gerhard Schröder nicht kurz entschlossen im Regierungsflieger vom G8-Gipfel mit ins Land des Lächelns genommen – der letzte Staatsbesuch des deutschen Bundeskanzlers in Tokio läge fünf Jahre zurück.

TOKIO. In Japan wurde durchaus zur Kenntnis genommen, dass die Kanzlermaschine oft nicht über Peking hinaus ostwärts flog. „Ein Besuch war jetzt schon einmal wieder fällig“, heißt es auch in diplomatischen Kreisen Deutschlands.

Die Beziehungen zwischen Japan und Deutschland, der zweit- und drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, sind gut, betonen alle Seiten. Von besonderer Aktivität und Leidenschaft sind sie indes nicht geprägt. Das betrifft beide Seiten.

Deutschland ist mit sich selbst, Europa und Wirtschaftschancen in China beschäftigt. War früher Japan der wichtigste Handelspartner für Deutschland in Asien, ist dies mittlerweile – sowohl beim Import als auch beim Export – klar China. Auch Japan hat andere Prioritäten als die Kontakte zu Deutschland. Japans Staatschef Koizumi pflegt vor allem seine enge Beziehung zu US-Präsident George W. Bush. Zudem haben die asiatischen Nachbarn für Japan enorm an Bedeutung gewonnen – wirtschaftlich, politisch und kulturell. Freihandelsabkommen werden verhandelt. Japans Unternehmen sind vom chinesischen Markt fasziniert und investieren enorm, und Japans Frauen erliegen derzeit einer Massen-Euphorie für südkoreanische Schauspieler und Sänger.

Mit Deutschland hingegen verbindet vor allem junge Japaner kaum noch etwas. Zuverlässig, aber eher langweilig, ist das Image, an dem mit einem Werbejahr „Deutschland in Japan“ ab kommendem Frühjahr gerüttelt werden soll. Von der Umwelttechnologie bis zur Berliner Designkultur sollen Seiten an Deutschland gezeigt werden, deren Ruf es oft nicht bis ins ferne Japan schafft.

Der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses, Siemens-Chef Heinrich von Pierer, beklagte kürzlich den schleppenden Anlauf bei der Vorbereitung der großen PR-Aktion. Ein weiteres Problem: die Finanzierung. Viele Firmen seien zu sehr mit China beschäftigt und nicht in Geberlaune für ein PR-Jahr in Japan, heißt es unter der Hand. Dabei machen die meisten deutschen Firmen die höheren Gewinne immer noch in Japan – und hier sitzen auch in vielen Bereichen die schärfsten Konkurrenten. Das wird auch auf dem chinesischen Markt klar – und so wenden sich einige deutsche Firmen auch wieder stärker dem japanischen Markt zu – und entdecken so manchen Wandel.

Das Nein zum Irak-Krieg hat indes bei jungen Japanern wieder Interesse an Deutschland geweckt. Bundeskanzler Schröder wird auf einer Diskussion mit japanischen Studenten viele Fragen darüber hören. Auch der der größten Oppositionspartei, Katsuya Okada, wird nachfragen.

Doch auch der quälende Weg zu Reformen in Deutschland wird in Japan mit Interesse verfolgt, hatte doch in den 90er Jahren alle Welt mit dem Finger auf Japan und seine „japanische Krankheit“ gezeigt. Wie weit muss und soll Strukturwandel gehen, inwieweit ist das US-System die ultima ratio? Schröder und Koizumi könnten in tieferen Gesprächen viele gemeinsame Grundfragen entdecken. Und wer weiß, vielleicht springt ja für den Oliver-Kahn-Fan Koizumi eine Einladung zur Fußball-WM 2006 in Deutschland dabei heraus.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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