Für ausländische Investoren wird Venezuela zunehmend zu einem Minenfeld. Auf Anordnung von Staatspräsident Hugo Chávez sollen nach US-amerikanischen Konzernen nun auch Töchter europäischer Firmen verstaatlicht werden. Die Unternehmen stehen vor einem Dilemma.
Der mexikanische Zementhersteller Cemex gehört auch in Venezuela zu den größten Produzenten. Doch nun sollen die Werke verstaatlicht werden. Foto: Reuters
SAO PAULO/ZÜRICH. Meistens am Sonntag hält der venezuelanische Präsident Hugo Chávez seine Fernsehansprache ans Volk. Für Manager gehört die Rede zum Pflichtprogramm. Denn der Präsident, der sich am liebsten mit "Herr Oberstleutnant" anreden lässt, geht nicht zimperlich mit den ausländischen Unternehmen im eigenen Land um. Seine Rede könnte sich deswegen beim eigenen Aktienkurs bemerkbar machen.
Zum Beispiel vergangene Woche. Chávez, der innenpolitisch unter Druck steht, seinem Versprechen, Wohnraum für Arme zu schaffen auch Taten folgen zu lassen, kündigte an, die Zementindustrie zu verstaatlichen. Sie verhindert in seinen Augen, dass das Bauprogramm zügig vorankommt.
An diesem Montag dann rief der venezuelanische Erdölminister Rafael Ramirez je eine Delegation der mexikanischen Cemex, der französischen Lafarge und der Schweizer Holcim
zu sich ins Ministerium nach Caracas. Die Gesichter der Firmenvertreter wurden während des Gesprächs länger und länger. 60 Prozent der venezuelanischen Tochterfirmen der drei Zementriesen sollten, so verlangte der Minister, künftig dem Staat gehören, der dafür einen "angemessenen Preis" bezahlen werde.
In Zürich, wo Holcim
seinen Hauptsitz hat, wurde darauf umgehend eine Mitteilung versandt, die die Märkte beruhigen sollte. Nur ein Prozent des Umsatzes erziele Holcim
in Venezuela, was rund 200 Mill. Dollar entspricht. Der Konzern werde jetzt verhandeln und alles tun, damit die Produktion weiterläuft.
Dass die Holcim
-Aktie zeitweise um mehr als 1,5 Prozent nachgab, konnten die Schweizer allerdings nicht verhindern. Sie stehen wie die anderen Firmen auch vor einem Dilemma: Selbst wenn die Regierung einen fairen Preis zahlt, ist die Aussicht, 40-prozentiger Partner einer ansonsten verstaatlichten Firma zu sein, alles andere als attraktiv. Branchenkenner glauben, dass allenfalls eine kleine Beteiligung aufrecht erhalten wird, die dazu dient, den Fuß an der Tür zu haben für eine Zeit, in der Chávez nicht mehr den Ton angibt.
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Während die Zementindustrie also in Verhandlungen eintritt, hielt "Kommandant Chávez" diesen Mittwoch seine nächste Rede. Diesmal traf es die Stahlbranche, genauer den Hersteller Sidor, der über die Techint-Gruppe letztlich von der in Luxemburg ansässigen Ternium kontrolliert wird. Er wird zur Zielscheibe, weil sich die Konzerleitung bei den seit 15 Monate anhaltenden Lohnverhandlungen angeblich "starr, respektlos, aggressiv, arrogant und überheblich" gezeigt habe.
Sidor ist mit einer Produktion von 4,5 Mill. Tonnen Stahl im vergangenen Jahr der wichtigste Stahlkocher im Anden/Karibikraum und gibt den Wert des Unternehmens mit 2,4 Mrd. Dollar an. Erdölminister Ramirez trat ebenfalls bereits in Aktion und kündigte an, dass der Konzern für seine Kontrollmehrheit entschädigt werden soll. "Wir werden jedoch alle arbeitsrechtlichen und ökologischen Verpflichtungen gegenrechnen."
Für ausländische Investoren wird Venezuela damit endgültig zum Minenfeld. Im Strom- und Telekomsektor hat die Regierung Chávez im vergangenen Jahr bereits die US-Konzerne Verizon und AES gegen marktübliche Entschädigungen für ihre Anteile enteignet. Die ausländischen Ölgesellschaften sind ebenfalls nationalisiert. "Deren Erfahrungen zeigen, dass die Diskussionen über die Entschädigungen kompliziert sind", sagt Alberto Ramos von Goldman
Exxon
und Conoco-Phillips lehnten eine Kontrolle durch den Staat ab und versuchen derzeit über internationale Schiedsgerichte entschädigt zu werden. Ramos hält weitere Verstaatlichungen - etwa im Bankensektor oder in der Lebensmittelindustrie - in Venezuela für wahrscheinlich. Die in vielen Branchen laufenden Lohnverhandlungen könnte die Regierung zum Anlass nehmen, auch dort die staatliche Kontrolle zu übernehmen. Weitere Verstaatlichungen allerdings würden die Ineffizienz steigern, sagt Ramos und prognostiziert eine "schleichende Kapitalvernichtung" im Privatsektor des Landes.
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Unternehmen, die sich gegen die Verstaatlichung wehren, haben unsichere Erfolgsaussichten. So hat Venezuela in einem milliardenschweren Rechtsstreit mit Exxon
Mobil um die Verstaatlichung von Ölfeldern jüngst einen Teilsieg errungen. Eingefrorene Vermögenswerte der staatlichen venezolanischen Ölgesellschaft PDVSA in Höhe von zwölf Mrd. Dollar müssen freigegeben werden, urteilte ein britisches Gericht. Wegen der Verstaatlichung von Exxon
-Anteilen an Ölvorhaben in der Orinoco-Region hatte der US-Ölmulti die Einfrierung des venezolanischen Milliardenvermögens zunächst durchgesetzt.
Der italienische Energiekonzern Eni
, der statt einer Klage, Verhandlungen vorgezogen hatte, profitierte darauf von dieser Entscheidung. Für die Verstaatlichung des Ölfeldes Dacion, auf dem Eni
aktiv war, zahlt PDVSA verteilt über die nächsten sieben Jahre 700 Mill. Dollar, teilten die Venezolaner mit.

