Der „Oetker-Reisende“ stößt eher auf Inszenierung als handfeste Information
Dr. Oetkers Marketing-Pulver

Der Nahrungsmittelhersteller setzt sich mit der „Dr. Oetker Welt“ in Bielefeld in Szene. Auf dem historischen Fabrikgelände in Bielefeld hat der Markenhersteller eine multimediale „Erlebniswelt“ geschaffen, in der Besucher auf drei Etagen sehen, hören, schnuppern und schmecken können.

BIELEFELD. Wenn dieses Haus voll ist, bin ich zufrieden. Hier habe ich den Grund für mein Glück gelegt, hier bleibe ich.“ Mit diesen Worten des Firmengründers August Oetker aus dem Jahr 1910 empfängt der Bielefelder Nahrungsmittelhersteller jetzt seine Besucher und signalisiert das Ende jeglicher Abwanderungspläne aus Ostwestfalen. Von der kommenden Woche an können Schulklassen oder Kochclubs in die „Dr. Oetker Welt“ eintauchen. Auf dem historischen Fabrikgelände in Bielefeld hat der Markenhersteller eine multimediale „Erlebniswelt“ geschaffen, in der Besucher auf drei Etagen sehen, hören, schnuppern und schmecken können.

„Wir wollen durch Inszenierungen und Informationen einen nachhaltigen Eindruck von dem vermitteln, was die Marke Dr. Oetker ausmacht“, sagte Konzernchef August Oetker, Urenkel des gleichnamigen Gründers, am Montag bei der öffentlichen Präsentation der Ausstellung. In typischer Oetker-Manier bleiben genaue Angaben über die Kosten des Projektes im Dunkeln. Der Firmenchef begnügte sich mit den Hinweis, dass die „Dr. Oetker Welt“ eine „gut zweistellige Millionensumme“ verschlungen habe.

Der größte Teil der Investition ist offenbar in das aufwendig umgestaltete Produktionsgebäude geflossen, das durch eine moderne Glasfassade ergänzt wurde. Drinnen stößt der „Oetker-Reisende“ jedoch auf mehr Inszenierung als handfeste Information. Eine original Backin-Backpulvertüte aus dem Jahr 1891 präsentiert sich wie eine Monstranz hinter Panzerglas auf rotem Samt. Und die „Sack-Klopfmaschine“ gibt den Blick frei auf den Geist, der von Anbeginn in den Bielefelder Fabrikgebäuden herrschte. Das Gerät, das aus den früher üblichen Transportbehältnissen noch das letzte Krümelchen Mehl oder Kakao herausprügelte und den Sack der mehrfachen Wiederverwendung zuführte, vermittelt den Eindruck, „dass Sparsamkeit schon vor über hundert Jahren ein Thema für Oetker war“, wie Marketingchef Rainer Lührs bei einem Rundgang durch die Ausstellung eher beiläufig erwähnte.

Geradezu hochmodern geht es im „Gugelhupf-Studio“ zu. Hier quillt den Besuchern das Backpulver getriebene Gebäck von modernsten Flachbildschirmen entgegen. „Oetkers Welt“ verspricht dazu sogar ein Geruchserlebnis, doch die olfaktorische Satisfaktion bleibt aus – es duftet, nur leider nicht nach Gugelhupf. Da müssen die zahlreichen Versuchsköche noch einmal ran, die in einer eigenen Etage der „Oetker-Welt“ alles backen und brutzeln, was die Hirne der Forschungs- und Entwicklungsabteilung zuvor ausgebrütet haben.

Einen nachgebildeten Kolonialwarenladen gibt es, und die Besucher können auch erfahren, dass von Oetkers „Vitalis-Müsli“ täglich 25 000 Kilo verzehrt werden oder der Durchschnittsbrite jährlich 7,6 Kilogramm Cerealien knabbert. Selbstkritische Informationen beispielsweise über die Nazizeit, in der das Oetker-Werk als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ „ausgezeichnet“ worden war, fehlen dagegen. Doch wollten die Konzernherren in Bielefeld kein Museum und keinen Lehrpfad aufbauen, wie August Oetker betonte, sondern mit der Dr. Oetker Welt nach vorne blicken. Doch was bleibt, ist der Eindruck einer Dauerwerbesendung als Marketing mit neuen Mitteln.

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