Der rechtzeitige Gang zum Insolvenzgericht rettete den Büroartikelhersteller vor der Zerschlagung
Herlitz - Die wundersame Rettung von Berlin

In dreieinhalb Monaten hat Insolvenzverwalter Peter Leonhardt das Planverfahren Herlitz durchgezogen – und Geschichte geschrieben: „Der Insolvenzfall Herlitz ist das erste nennenswerte Verfahren in Deutschland, das mit Plansanierung beendet wurde."

BERLIN. Das einschneidenste Erlebnis im Insolvenzverfahren der Berliner Herlitz PBS AG? Da muss der charismatische Berliner Insolvenzverwalter Peter Leonhardt nicht lange nachdenken: „Das war der Moment nach der Gläubigerversammlung am 15. Juli 2002. Ich ging nach Hause und hatte das Problem endlich bewältigt. Danach machte ich erst einmal Urlaub.“

Die Gläubiger hatten Leonhardts Insolvenzplan mit all seinen Opfern, die er ihnen für die Rettung des traditionsreichen Büroartikelherstellers abverlangte, abgesegnet. In dreieinhalb Monaten hatte Leonhardt das Planverfahren nach der neuen Insolvenzordnung von 1999 durchgezogen – und Geschichte geschrieben: „Der Insolvenzfall Herlitz ist das erste nennenswerte Verfahren in Deutschland, das mit Plansanierung beendet wurde“, so Leonhardt zufrieden. Anfang April 2002 war das Insolvenzverfahren für die „Herlitz PBS Aktiengesellschaft Papier, Büro und Schreibwaren“ eröffnet worden. Mit der Plansanierung konnte der Büroartikel-Hersteller – in Anlehnung an Chapter 11 des US- Konkursrechtes – als Ganzes gerettet werden. Andernfalls hätte er mangels Masse zerschlagen werden müssen; die Gläubiger wären leer ausgegangen. So erhalten sie noch eine Quote von 10 Prozent.

Ein Insolvenzplanverfahren verlangt einem Verwalter immens viel ab: Leonhardt führte unzählige Verhandlungen mit Kunden, damit sie nicht abspringen, mit dem Fiskus über die Anerkennung von Verlustvorträgen und mit den Arbeitnehmern über Lohnverzicht. Er leistete harte Überzeugungsarbeit, um die Gläubiger zum Forderungsverzicht zu bewegen. „Ich bin überall in Deutschland herumgereist und habe Kunden wie Metro oder Rewe davon überzeugt, dass wir weiter liefern können“, erinnert sich Leonhardt. Und dawaren noch die unzähligen Stunden am Schreibtisch in der Herlitz-Zentrale, in denen Leonhardt Kärrnerarbeit leisten musste.

Für den Rechtsanwalt und Notar der Kanzlei Leonhardt & Partner am Kurfürstendamm in Berlin mit rund 100 Mitarbeitern ist klar: ein solches Planverfahren geht nur in großen Teams. „Ich arbeite seit 20 Jahren mit denselben Leuten zusammen.“ Das reibungslose Ineinandergreifen eines kompetenten Teams sei Grundvoraussetzung für ein Planverfahren.

Anders als beim Chapter 11, das den Vorstand in der Verantwortung belässt, übernimmt in Deutschland jedoch meist der Insolvenzverwalter die Zügel: „Das System lässt dem Verwalter viel Freiheit“, lobt Leonhardt. Das habe Vorteile, denn mit den Vorständen blieben im US-System ja oft die Verursacher der Krise in der Verantwortung. Dennoch sind Planverfahren unter Deutschlands Insolvenzverwalter umstritten, denn sie gelten als zu kompliziert. „Man muss in ganz kurzer Frist zwischen den wesentlichen Beteiligten Einigkeit erzielen“, erläutert Leonhardt. Im Fall Herlitz gab es sieben Gläubiger-Gruppen wie Lieferanten, Arbeitnehmer, Finanzamt, Arbeitsamt und Banken. Das waren 2 000 Gläubiger. „Es ist uns dennoch gelungen, in allen Gruppen 100 % Zustimmung zu erreichen“, so Leonhardt.

„Es grenzt schon an ein Wunder“, lobt der Betriebsratsvorsitzende Christian Petsch die Leistung des Berliner Verwalters, „ein Unternehmen, das sich in einer solchen Schieflage wie Herlitz befindet, noch zu retten – und das bei relativ geringem Personalabbau“. Nur 57 Stellen fielen weg. Wie kaum ein anderer habe es Leonhardt verstanden, die Beteiligten für seine Pläne einzunehmen. Freilich haben auch Petsch und die Herlitz-Mitarbeiter geblutet: Sie verzichteten auf einen Teil ihres Gehalts. Das sei ein wichtiges Signal für die Öffentlichkeit und die Banken gewesen, betont Petsch. Vor allem wenn man bedenke, dass die Belegschaft des Dauersanierungsfalls Herlitz schon seit langem gebeutelt war. Seit 1997 war die Zahl der Stellen von 5 420 auf 2 961 (2001) reduziert worden.

Wichtig bei Planverfahren ist, dass sie rechtzeitig eingeleitet werden, denn in der Insolvenz ist es leichter, Altlasten abzuwerfen. Dass Deutschlands Nummer eins auf dem Markt für Papier, Büro- und Schreibwaren rechtzeitig handelte, lag an der harten Haltung der Banken. Nachdem sich der Berliner Wirtschaftssenat weigerte, für weitere Kredite zu bürgen, kündigten sie die Kreditlinien. Vorstandschef Christian Supthut blieb nur noch der Gang zum Amtsgericht.

Die Vorstände haben die Zügel bei Herlitz längst wieder selbst übernommen. Der Turn-around ist geschafft. 2002 wurde ein kleines Vorsteuerergebnis (EBT) von 3 Mill. Euro erzielt – nach 61 Mill. Euro Verlust 2001. Beim Ausblick auf 2003 geben sich die Vorstände Supthut und Norbert Strecker angesichts der flauen Konjunktur aber vorsichtig. Nur so viel: Dramatische Verluste wie früher werde es nicht geben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%