Der Thyssen-Visionär
Dieter Spethmann: „Zukunftsangst? Keinen Augenblick!”

Noch heute packt Dieter Spethmann „biblischer Zorn“, wenn man am Transrapid zweifelt. Fährt die Magnetschwebebahn nicht erfolgreich in Schanghai? Wird in China nicht längst die zweite Strecke geplant? Keine Sekunde zweifelt der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Thyssen AG daran, dass die neue Technologie ihren Siegeszug um die Welt antreten wird.

DÜSSELDORF. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht in zehn oder 15 Jahren. Die Milliarden an Entwicklungskosten sind nicht vertan, mögen auch viele Verkehrsexperten reden, was sie wollen.

Spethmann kann sich zu Recht als eigentlicher Erfinder („nicht im technischen, aber im volkswirtschaftlichen Sinne“) des Transrapids fühlen. Als Thyssen-Chef ist er sofort von der Magnettechnik begeistert, die er bei seinen Technikern im Werk Kassel mehr zufällig entdeckt. Was in dem bloßen „Nukleus“ steckt, müssen ihm seine Leute nicht lange erzählen.

Aber all die Kleingeister in der Politik haben niemals verstanden, was diese Erfindung wert sein könnte. Auf sie ist er böse: auf Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und Gerhard Schröder, die allesamt den Transrapid partout nicht in Deutschland bauen wollten.

Man muss nur über den Transrapid reden und schon bekommt man den ganzen Spethmann: den Ausnahmeunternehmer, der einen der größten Konzerne so lange erfolgreich führt wie kaum ein anderer Manager in Deutschland ein vergleichbares Unternehmen. Der Visionär, der als Thyssen-Chef zwischen 1973 und 1991 nach neuen Wegen sucht und in seiner Amtszeit mehr als 60 000 Arbeitsplätze schafft. Der Überzeugungstäter, der sich auch noch im achten Lebensjahrzehnt unermüdlich mit Gastkommentaren im Handelsblatt oder in der „FAZ“, mit Briefen an Minister und Entscheidungsträger in die öffentliche Debatte über den Euro und das falsche Zinsniveau in Deutschland einmischt. Für Spethmann gilt, was er über Konrad Adenauer sagte: Er ragt durch seine Persönlichkeit heraus aus seiner Generation. Wer begreifen will, wie Deutschlands Wirtschaft wurde, was sie einmal war, der kommt an Spethmann kaum vorbei.

Ein Leben, das immer schon ein Stück vor der Zeit schien: schon mit neun Jahren auf das Realgymnasium in Essen-Bredeney, weil ihn sein Volksschullehrer Dohmann eine Klasse überspringen lässt. Nach dem vorgezogenen Notabitur und vor der Einberufung zur Marine absolviert er 1943/44 noch ein Lehrjahr bei Krupp im Maschinenbau in Essen-Frohnhausen. Das Original des Lehrvertrags schenkt ihm sein großer Widersacher, Krupp-Lenker Berthold Beitz, später zum 60. Geburtstag.

Die ersten Schwarzmarktgeschäfte macht er mit Tanganjika-Kaffee, den sein Bruder aus Afrika schickt: „Jeden Monat einen Sack mit den ganz kleinen Bohnen.“ Die Währungsreform beendet das schöne Geschäft schlagartig. Mit 22 Jahren, 1948, trotz Kriegsdienst bereits die Dissertation in der Tasche und das Gefühl „Jetzt habe ich es eigentlich geschafft“. Mit 23 den ersten unbezahlten Job beim Gelsenberg-Konzern – und die kecke Antwort auf die Frage seines Chefs, was er denn im Beruf erreichen wolle: „Ich möchte möglichst schnell auf Ihrer Seite des Schreibtischs sitzen.“

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