Deutsche Bahn
Die dunkle Seite der Bahn

Die Spitzelaffäre ist nur ein Problem, das die Deutsche Bahn bewegt. Alte Bahnhöfe, verspätete Züge, überhöhte Fahrpreise, marode ICE-Achsen kommen hinzu. Insider machen für all das Bahn-Chef Hartmut Mehdorn verantwortlich. Der könnte darüber stolpern.

BERLIN.Gruiten, eine kleine Bahnstation im Rheinland zwischen Düsseldorf und Wuppertal. Ein typischer Pendler-Halt von S- und Regionalbahnen mit großem Parkplatz. Die Schilder, die im immer leicht modrig-feuchten Bahnsteigtunnel zu den Gleisen weisen, sind graffitibeschmiert, verdreckt, kaum noch lesbar. Nicht erst seit gestern, seit Jahren schon.

Auf dem S-Bahn-Bahnsteig zeigt die Bahnhofsuhr zwei Minuten nach neun. Egal wie spät es tatsächlich ist. Und das schon seit Monaten. Ähnlich lang klafft ein großes Loch im seitlichen Windschutz einer bunt beschmierten Sitzbank.

Ob der Zug kommt, sehen Kenner am Signal am Ende des Bahnsteigs. Wenn es Grün zeigt, dauert es meist nicht mehr lang. Manchmal bleibt es aber auch auf Rot, und der Zug kommt gar nicht. Manchmal gibt es dann eine Ansage, die etwas von einer Betriebsstörung, von „Verzögerungen im Betriebsablauf“, erzählt und eine Prognose über die verspätete Abfahrt oder den Zugausfall gibt.

Es gibt viele Gruitens bei der Bahn, viele Stationen, die verrotten, verkommen. Wo nur das Nötigste gemacht wird, wenn überhaupt. Für viele treue Bahn-Kunden sind dies die Visitenkarten jenes Unternehmens, das bis zur Finanzkrise weltweit Investoren begeistern wollte. Und das jetzt weiter denn je davon entfernt ist: Nach dem im Oktober 2008 verschobenen Börsengang produziert nun der Bespitzelungsskandal negative Schlagzeilen.

Mehrfach hat der Konzern im „Datenabgleich“ die Adress- und Kontodaten von rund 240 000 Beschäftigten mit denen seiner 80 000 Lieferanten verglichen. Heimlich, ohne Kenntnis der Betroffenen und ohne Wissen des Betriebsrats. Die öffentliche Empörung, von den Datenschützern über die Politik bis zu den Medien, füllt derzeit täglich die Zeitungsspalten. Und noch nie hat in den letzten Jahren der Stuhl des krisengeprüften Vorstandsvorsitzenden, von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, so gewackelt wie bisher.

Es dauerte bis Freitag, bis sich Hartmut Mehdorn wegen der Datenaffäre bei den Beschäftigten entschuldigte. Der Vorstand bedauere, dass es bei den Mitarbeiterüberprüfungen zu Verstößen gekommen sei und keine Gremien der Arbeitnehmervertretungen informiert gewesen seien, erklärte Mehdorn in einer Sitzung des Konzernbetriebsrats. Der Vorstand entschuldigt sich dafür bei seinen Mitarbeitern.

Er hat noch einen Vertrag bis 2011. Ob er dann noch im Amt ist, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Nächste Woche tagt der Aufsichtsrat, dann der Verkehrsausschuss. Alle wollen wissen, was Mehdorn wusste von den offenbar regelmäßigen pauschalen Überprüfungen der Eisenbahner. Am Ende des Tages könnte es bedeuten, dass er gehen muss.

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