Deutsche Bahn
Mehdorns glänzende Abschieds-Zahlen

Als der kleine Mann durch eine Seitentür den Ballsaal des Berliner Marriott-Hotels betritt und mit schnellen Schritten zum Podium eilt, ist er hinter der dicht gedrängten Reihe der Kameraleute und Fotografen kaum auszumachen. „Mein Gott, seid ihr viele“, entfährt es ihm, leicht verkniffen lächelnd.

EBERHARD KRUMMHEUER | BERLIN

Als der kleine Mann durch eine Seitentür den Ballsaal des Berliner Marriott-Hotels betritt und mit schnellen Schritten zum Podium eilt, ist er hinter der dicht gedrängten Reihe der Kameraleute und Fotografen kaum auszumachen. "Mein Gott, seid ihr viele", entfährt es ihm, leicht verkniffen lächelnd.

Dann geht Hartmut Mehdorn zur Tagesordnung über und präsentiert den Geschäftsbericht 2008. Eine Veranstaltung, die auf den ersten Blick nicht anders abläuft als in den Vorjahren. Wie immer verhaspelt sich der Bahn-Chef beim vorbereiteten Text - er ist ein schlechter Vorleser, argumentiert lieber frei. Doch dann fällt auf, wie er immer wieder vom Manuskript abweicht, ergänzt, vertieft. Wie er den Blick auf das, wie er sagt, "Danach" ausrichtet - beschwörend geradezu, auch visionär. "Danach" - er sagt nach der Krise, er meint aber wohl auch die Zeit nach ihm.

Schnell wird deutlich: Hier geht es nicht um die routinemäßige Bilanz eines geschäftlich erfolgreichen Jahres, hier geht es um die Bilanz eines fast zehnjährigen Lebensabschnitts. Im Dezember 1999 war Mehdorn als Bahn-Chef angetreten. Mit einem Rekordergebnis, das sein Nachfolger in den nächsten Jahren vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise kaum übertreffen kann, verabschiedet sich der Vorstandschef der Deutschen Bahn vorzeitig aus dem Amt. "Auch uns bläst in diesen Tagen ein eisiger Wind ins Gesicht, von dem wir nicht wissen, ob er sich nicht noch zu einem Orkan auswächst", stellt er in seinem Schlusswort fest.

Da ist ihm aber schon klar, dass er persönlich den Stürmen aus der Politik nicht mehr trotzen wird, dass er nach der Bilanzpräsentation noch auf der Pressekonferenz seinen Rücktritt erklären wird. Ein Jahrzehnt lang hat Mehdorn dafür gekämpft, die Bahn nicht nur formal zu einem Unternehmen zu machen, sondern sie aus den Fesseln der Politik zu befreien. In fast zehn Jahren verwandelte er den seinerzeit noch kränkelnden Schienenkonzern in ein global aufgestelltes, erfolgreiches Dienstleistungsunternehmen.

Der Umsatz, so Mehdorn gestern in seiner letzten Bilanzpräsentation, stieg in dieser Zeit von 15,3 Mrd. Euro auf 33,5 Mrd. Euro. Vier Jahre hintereinander legte der Konzern bei Umsatz, Ergebnis und Verkehrsleistung zu. Schrieb die 1994 mit der Zusammenlegung der Behörden Bundesbahn und Reichsbahn gegründete Bahn AG beim Amtsantritt des umstrittenen Bahn-Chefs noch ein dickes Minus von 1,5 Mrd. Euro, legte er gestern einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von knapp 2,5 Mrd. Euro vor. Im letzten Jahr erwirtschaftete der Konzern eine Rendite auf das betrieblich eingesetzte Vermögen (ROCE) von 8,9 Prozent, die damit erstmals die Kapitalkosten deckt.

Doch so erfolgreich der Unternehmer Mehdorn war, so sehr scheiterte er letztlich an einem auskömmlichen Miteinander mit der Politik. Kritische Wegbegleiter im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages nannte er "sogenannte Experten", einen von ihnen wollte er sogar mal vor den Kadi zerren. Fixiert auf das Ziel, die Bahn an die Börse zu bringen, ignorierte er, dass das Bundesunternehmen Bahn anders tickt als jede andere Aktiengesellschaft.

So wuchs im Laufe der Jahre die Zahl der Gegner und Feinde, auch wenn Mehdorn auf der höchsten Ebene, bei Kanzler Gerhard Schröder wie auch bei Kanzlerin Angela Merkel, stets Rückendeckung hatte - bei ihr auch noch, als der Börsengang im vergangenen Jahr kurzfristig angesichts der Finanzkrise abgesagt werden musste.

Die Spähaffäre, die ihn nun doch zum Rücktritt zwingt, so erklärte er, sei kein Datenskandal, sondern "eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmenspolitik und Unternehmensführung". Und: Die aktuelle Diskussion habe sich "längst von den Fakten abgekoppelt".

Nach Absage des Börsengangs witterten viele Gegner eines solchen Schritts Morgenluft, nun längerfristig den Einstieg von privaten Investoren zu verhindern und die Staatsbahn zu erhalten. Auch für sie hatte der scheidende Bahn-Chef eine Botschaft: Nach den Konjunkturprogrammen werde die öffentliche Hand um eine "bittere Sparwelle" nicht herumkommen. Und dann sei es nur noch der Kapitalmarkt, der Mittel für den weiteren Ausbau des Konzerns bereitstellen könne.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%