Deutsche Industrie fühlt sich benachteiligt
Saftiger Preis schreckt Stromschlucker

Unternehmen mit einem hohen Energieverbrauch schlagen Alarm. In der Wirtschaftskrise mit dramatischen Absatzeinbrüchen wirkt das europaweit hohe Strompreisniveau in Deutschland wie ein Katalysator, der die ernste Lage noch verschärft. Die vorläufige Schließung des Aluminiumwerks von Norsk Hydro im rheinischen Neuss werde kein Einzelfall bleiben, warnen Branchenvertreter.

DÜSSELDORF/HAMBURG. Der Chef des größten deutschen Aluminiumherstellers Trimet, Heinz-Peter Schlüter, spricht gegenüber dem Handelsblatt von einer "existenzgefährdenden Lage". Die betroffenen Unternehmen appellieren an die Bundesregierung, rasch für Entlastung zu sorgen.

Viele Firmen aus energieintensiven Branchen wie Metall, Chemie, Zement, Glas oder Papier sitzen mitten in der Wirtschaftskrise auf teuren Stromverträgen. Zwar ist der Strompreis an der Börse seit Anfang September, als der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers den rasanten Abschwung der Weltkonjunktur einläutete, deutlich gesunken. An der Leipziger EEX gab der Preis für eine Megawattstunde zur Lieferung im zweiten Quartal 2009 um fast 60 Prozent auf knapp 42 Euro nach. Viele Unternehmen haben sich aber bereits im Frühjahr 2008 eingedeckt, als die Strompreise getrieben durch den Höhenflug des Ölpreises immer weiter - bis auf einen Spitzenwert von über 90 Euro je Megawattstunde für Lieferungen im Jahr 2009 - nach oben kletterten, und sie noch höhere Notierungen fürchteten. Andere dürften zumindest einen Teil ihres Bedarfs zu hohen Preisen abgedeckt haben.

Nach einer aktuellen Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Energy Advice für das Fachmagazin "Energie-Informationsdienst" sind die durchschnittlichen Marktpreise für Industriekunden in Europa seit Oktober jedenfalls gerade einmal - je nach Größe des Verbrauchs - um drei bis acht Prozent gesunken. Gleichzeitig sind den Unternehmen in den vergangenen Wochen die Aufträge aber weg- und ihre eigenen Preise eingebrochen. Kupfer, Aluminium und auch Zink haben sich beispielsweise an der London Metall Exchange (LME) im Wert halbiert.

Die Metallhersteller sind besonders in der Klemme, weil sie bei der Produktion extrem viel Strom benötigen. Alleine das Aluminiumwerk von Norsk Hydro in Neuss verbraucht so viel Energie wie die Stadt Düsseldorf mit den Dax-Konzernen Henkel und Metro. Norsk Hydro hat bereits die Konsequenzen gezogen und am Mittwoch beschlossen, die Produktion komplett herunter zu fahren. Die Wirtschaftsvereinigung Metalle sieht aber auch die Aluminiumelektrolysen in Voerde, Hamburg und Essen sowie die Zinkproduktion in Nordenham "akut bedroht".

Die energieintensive Industrie in Deutschland fühlt sich im europäischen Wettbewerb benachteiligt. Sie klagt, dass in anderen Ländern der Staat Industriebetrieben spezielle, günstige Tarife garantiert. In Frankreich und Spanien lägen die Tarife mit 30 bis 35 Euro je Megawattstunde deutlich unter den Börsenpreisen, heißt es. Nach Darstellung von Norsk Hydro sind die Kosten der Produktion am Rhein um ein Drittel höher als die der Schwesterhütten in Norwegen.

Nach den Daten von Energy Advice haben die deutschen Industriekunden sowohl bei kleinen, als auch bei mittleren und großen Verbräuchen im Januar in zwölf untersuchten europäischen Ländern die zweithöchsten Preise bezahlt - nur in Italien war Industriestrom noch teurer. Den Daten zufolge muss die deutsche Industrie - auch unter Berücksichtigung von Rückerstattungen - fast fünfmal so hohe Steuern zahlen wie in Spanien, mehr als dreimal so viel wie in Großbritannien und Belgien, mehr als doppelt so viel wie in den Niederlanden und mehr als ein Drittel mehr als in Frankreich.

Trimet-Chef Schlüter spricht von einer "massiven Wettbewerbsverzerrung durch die einseitig hohen Strompreise in Deutschland". Er fordert von der Politik Entlastungen: "Wenn die Regierung sich nicht bewegt, dann ist die energieintensive Industrie spätestens im Jahr 2013 nicht mehr vorhanden."

Als Beispiel für die schwierigen Rahmenbedingungen verweist Schlüter auf den Emissionshandel. Die in seiner Stromrechnung enthaltenen Kosten für CO2-Zertifikate beziffert er auf 50 Mio. Euro. "Ab 2011 werden es 90 Mio. Euro sein und ab 2013 voraussichtlich 120 Mio. Euro." Zuletzt lag der Überschuss von Trimet aber nur bei 40 Mio. Euro. Und die Wirtschaftskrise trifft das Unternehmen voll. Im September brach die Nachfrage um 30 bis 35 Prozent ein. Zur Zeit hat Trimet die Produktion um ein Drittel gedrosselt

Norsk Hydro will das Werk in Neuss endgültig aufgeben, wenn die Bundesregierung nicht für eine finanzielle Entlastung sorgt. Auf Hilfe aus Berlin hofft auch die Kupferhütte Norddeutsche Affinerie (NA). Das Unternehmen stehe zwar nicht in der ersten Reihe, da operativ ein Gewinn anfalle, sagte Vorstandschef Bernd Drouven dem Handelsblatt: "Wir wollen aber keine Lex Aluminium."

Die Energiebranche weist jede Schuld an der schwierigen Situation der energieintensiven Industrie zurück und sieht ebenfalls ungleiche Bedingungen in Europa. "Wir haben Hydro in der Vergangenheit umfangreiche und attraktive Angebote zur Stromlieferung mit verschiedensten Laufzeitvarianten unterbreitet" sagt Andreas Radmacher, Vorstand bei RWE Energy, der Vertriebstochter des Energiekonzerns. RWE biete seinen industriellen Großkunden flexible und auf den jeweiligen Anwendungsfall maßgeschneiderte Lieferverträge. Sie müssten sich aber an den Marktpreisen orientieren. RWE empfehle seinen Kunden die Absicherung aller relevanten Rohstoffpreise für ihr jeweiliges Geschäft.

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