Deutsche Konzerne fördern Programme gegen die Ausbreitung von HIV
Aids bedroht die südafrikanische Wirtschaft

Wie bei Daimler-Chrysler beeinträchtigt die grassierende Aids-Epidemie auch den Produktionsablauf bei BMW und VW, den beiden anderen deutschen Autobauern am Kap. Auch deshalb haben die drei Konzerne mit eigenen Aids-Programmen auf die Bedrohung reagiert.

KAPSTADT/BERLIN. Das schwarze Krokodil mit dem aufgesperrten Rachen ist nicht zu übersehen. Eindringlich warnt der Aufkleber die Arbeiter im Daimler-Chrysler-Werk im südafrikanischen East London seit Jahren vor Gefahren am Arbeitsplatz. Doch für ein viel größeres Gesundheitsrisiko gibt es bisher keinen Sticker: für das HIV-Virus, das Aids verursacht. Dabei werden in der Krankenstation des Autokonzerns heute schon mehr Angestellte wegen Aids behandelt als wegen eines Arbeitsunfalls.

Wie bei Daimler-Chrysler beeinträchtigt die grassierende Aids-Epidemie auch den Produktionsablauf bei BMW und Volkswagen, den beiden anderen deutschen Autobauern am Kap. Auch deshalb haben die drei Konzerne mit eigenen Aids-Programmen auf die Bedrohung reagiert. Seit Jahren verteilen sie Medikamente gegen die Immunschwächekrankheit an ihre Angestellten und deren direkte Angehörige. Sie bieten Aids-Tests für das Personal an, HIV-positive Mitarbeiter und oft auch ihre Angehörigen werden betreut, wenn die Krankheit ausbricht. Zudem informieren die Unternehmen in Aufklärungskampagnen.

Neben dem sozialen Engagement treibt die Konzerne auch wirtschaftliches Eigeninteresse: Manche Industriesparten am Kap – allen voran der Bergbau – müssen im schlimmsten Fall damit rechnen, dass in fünf Jahren fast ein Drittel ihrer Belegschaft der Seuche zum Opfer gefallen sein wird. Anglogold Ashanti, der weltweit zweitgrößte Goldförderer, schätzt zum Beispiel, dass fast jeder dritte seiner Bergleute mit dem Aids-Virus infiziert ist.

Südafrika ist gewiss nicht die einzige Nation mit einem Aidsproblem. Gleichwohl ist das Land weltweit das einzige, in dem eine stärker industrialisierte Wirtschaft von einer Plage solchen Ausmaßes heimgesucht wird. Rund 5,3 Millionen Südafrikaner oder 20 Prozent der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung sind infiziert. Täglich kommen 1 700 Neuansteckungen hinzu.

Das hat Folgen für die Zahl qualifizierter Mitarbeiter, den Krankenstand, die Produktivität. Genau kann zurzeit niemand beziffern, wie stark die Epidemie das Wachstum bremst. Das südafrikanische Finanzministerium schätzt, dass Aids die Kaprepublik ohne Gegenmaßnahmen mindestens ein halbes Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr kosten würde. Anglogold Ashanti ist hingegen überzeugt, dass die Kosten der Epidemie überschätzt werden und sich in Wahrheit auf weniger als zwei Prozent der Lohnkosten belaufen. Weitaus besser lassen sich die direkten Kosten für die Aids-Programme beziffern: Anglogold Ashanti veranschlagt für dieses Jahr zum Beispiel 1,4 Mill. Euro.

Vor fünf Jahren entwickelte Daimler-Chrysler gemeinsam mit der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) das erste Arbeitsplatzprogramm in Südafrika; Volkswagen, Bosch, Roche, T-Systems und Eurocopter folgten dem Beispiel. Heineken wurde in der Demokratischen Republik Kongo aktiv, Lafarge in Tansania und Nigeria. Verträge gibt es auch mit Unilever und General Motors in Kenia. Seit 2004 bindet die GTZ auch Afrikas Wirtschaftsverbände ein, um mehr Firmen zu erreichen. Denn viele Unternehmen ignorieren noch immer die Gefahr. Nach einer vor kurzem veröffentlichten Studie der Universität Stellenbosch bei Kapstadt haben lediglich 58 Prozent der Finanzdienstleister und 50 Prozent der Firmen im verarbeitenden Gewerbe eigene Aids-Programme. Im Baugewerbe, in der Landwirtschaft und im Einzelhandel, wo sich das oft unausgebildete Personal leichter ersetzen lässt, sind es angeblich sogar weniger als ein Drittel.

Dennoch macht das Beispiel der großen Vorreiter langsam Schule: Das Interesse an den Programmen werde stetig größer, heißt es bei der GTZ in Eschborn bei Frankfurt: „Und das nicht nur bei den international tätigen Konzernen, sondern auch bei kleineren afrikanischen Unternehmen.“

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