Deutsche Konzerne wollen in Südamerika Fuß fassen
Zuckerindustrie schaut nach Brasilien

Die deutsche Zuckerindustrie will in Brasilien investieren. In brasilianischen Wirtschaftsmedien kursieren Gerüchte, dass Nordzucker und Südzucker mit brasilianischen Zuckerunternehmen über einen Einstieg verhandelten. Rainer Düll, Sprecher von Südzucker, bestätigte gegenüber dem Handelsblatt, dass der Konzern seit rund einem Jahr nach Investitionsmöglichkeiten in Brasilien sucht.

SÃO PAULO. „Brasilien ist weltweit der leistungsfähigste Zuckerrohrverarbeiter und hat das größte Potenzial zur Flächenausweitung“, erklärte Düll das Interesse Südzuckers an dem Standort. „Ein Joint Venture, eine Beteiligung aber auch eine Übernahme sind möglich.“ Bereits heute erwirtschaftet Südzucker als größter Zuckerkonzern weltweit zwei Drittel seines Umsatzes außerhalb Deutschlands. Doch der Einstieg in Brasilien ist schwieriger als erwartet. „Die brasilianischen Zuckerkonzerne sind weder auf Technik noch auf Kapital von außen angewiesen“, sagt Düll.

Nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Valor Economico“ steht Nordzucker mit Copersucar in Verhandlungen. Der brasilianische Konzern (Umsatz 2004: 1,7 Mrd. Dollar) gibt dazu jedoch keine Auskunft. Bisher konnten nur zwei französische Unternehmen in Brasilien Fuß fassen, nämlich der Händler Louis Dreyfus und vor allem Tereos. Tereos besitzt in Brasilien sechs Raffinerien mit einer Verarbeitungskapazität für 12 Mill. Tonnen Zuckerrohr im Jahr und brennt in eigenen Destillen bereits mehr Alkohol als in Europa.

Der Weltmarkt für Zucker kommt in Bewegung, seit die EU angekündigt hat, ihre Zuckersubventionen zu reduzieren. Die Brasilianer rechnen zwar nicht damit, dass sich der europäische Markt für sie öffnet, aber sie spekulieren auf die Märkte, auf die Europa bisher seinen subventionierten Zucker exportiert. Hier geht es um fünf Mill. Tonnen, wovon die Brasilianer rund die Hälfte liefern wollen, wie es beim einflussreichen Verband der Zuckerindustrie São Paulos (Unica) heißt.

Attraktiv ist Brasilien als Standort nicht nur wegen seiner Bedeutung als wichtigster Zucker- und Alkoholexporteur weltweit. Auch in der Produktivität sind die brasilianischen Hersteller unschlagbar: Wegen der intensiven Forschung sinken die Produktionskosten auf den Plantagen, den Mühlen und Destillen ständig. Schon jetzt kostet die Produktion einer Tonne Zucker in Brasilien rund 160 Dollar am Tag. In Europa kostet Rübenzucker rund 700 Dollar pro Tonne. Den Liter Alkohol brennen die brasilianischen Destillen für rund 20 Cent, in Europa kostet er dreimal so viel.

Das größere Wachstumspotenzial sieht die Branche jedoch im Äthanol als Treibstoffersatz. Bisher existiert dafür kaum ein Weltmarkt: Brasilien verkauft in diesem Jahr rund 2,5 Mrd. Liter Alkohol in die USA. Dort fährt ein Teil der Autos mit Benzin, dem aus Mais gewonnener Alkohol beigemischt ist.

Weltweit könnte Alkohol als Alternativbrennstoff den Handel beschleunigen: In der EU, Japan und anderen Staaten sollen im Rahmen des Kyoto-Protokolls zunehmend nachwachsende Treibstoffe ins Benzin gemischt werden. Das kann Biodiesel sein, aber eben auch Alkohol. Ob sich Alkohol als Treibstoff durchsetzen wird, ist schwer einzuschätzen: Die britischen Rohstoffexperten von F. O. Licht rechnen damit, dass bis zum Jahr 2010 weltweit 57 Mrd. Liter Alkohol zum Antrieb von Motoren benutzt werden, also fast doppelt soviel wie heute.

Doch wie viel davon in den brasilianischen Destillen gebrannt wird ist unklar. Zwischen fünf und zehn Mrd. Liter schätzen Branchenverbände in Brasilien die Exportleistung in fünf Jahren. Die Produzenten bereiten sich auf eine boomende Nachfrage vor: Zwischen drei bis sechs Mrd. Dollar investieren sie in den nächsten fünf Jahren in neue Destillen und Mühlen. Bis 2010 könnte die Produktion Brasiliens so problemlos verdoppelt werden. Weitere Steigerungen sind möglich: Nur zwei Prozent der potenziell nutzbaren Fläche Brasiliens wird für Zuckerrohr genutzt. Stolz behauptet die Branche, dass Brasilien künftig ein zweites Saudi-Arabien werden könnte – nur eben für Alkohol (Äthanol) statt Erdöl.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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