Die deutsche Pharmaindustrie bietet ein zwiespältiges Bild. Während sich der heimische Markt im Umbruch befindet und die Zahl der eigenständigen Unternehmen weiter zurückgegangen ist, konnten die verbliebenen Akteure in den vergangenen beiden Jahren ihre globale Position nachhaltig stärken. Was aus der einstigen Apotheke der Welt wird.
FRANKFURT. Das machen Analysen des Handelsblatts und der Unternehmensberatung A.T. Kearney deutlich. Hintergrund ist der starke Konsolidierungstrend im Mittelfeld der Pharmabranche, an dem deutsche Firmen im vergangenen Jahr überproportional stark beteiligt waren. Mit Altana und Schwarz Pharma wechselten dabei zwei weitere größere Unternehmen in den Besitz ausländischer Firmen. Einschließlich früherer Transaktionen wie der Übernahme von Aventis/Hoechst durch Sanofi, des Verkaufs von BASF Pharma an Abbott oder der Übernahme von Hexal durch Novartis gelangten damit seit Mitte der 90er-Jahre sieben größere deutsche Pharmahersteller unter das Dach ausländischer Konzerne.
Auf der anderen Seite haben mit Bayer und der Merck KGaA erstmals auch zwei deutsche Konzerne aktiv an der Konsolidierung teilgenommen. Bayer übernahm im vergangenen Jahr Schering, Merck die Schweizer Serono-Gruppe. Zwar seien die Unternehmen damit noch nicht in die Spitzengruppe vorgestoßen, dennoch sei das „mehr als ein Signal des Aufbruchs“, urteilen die Pharmaexperten Nikolaus Schumacher und Martin Schloh von der Unternehmensberatung A.T. Kearney.
Als Vorteil werten sie die Tatsache, dass sich beide Unternehmen mit den Übernahmen Zugang zu neuen Märkten verschaffen konnten und zugleich ihr Geschäft stärker in den Bereich der innovativen Produkte, etwa auf das Gebiet der Onkologie, verlagerten. „Das geht in die richtige Richtung.“ Als weiterhin positiv gilt auch die Entwicklung beim Pharmahersteller Boehringer Ingelheim, der seit Jahren bereits fast ausschließlich auf organisches Wachstum durch innovative Produkte setzt und zudem eine sehr starke Position in der biotechnischen Auftragsfertigung aufbauen konnte.
Nach Berechnungen des Handelsblatts konnten Bayer und Merck durch die Übernahmen ihre globalen Marktanteile im Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten 2006 in etwa verdoppeln – und damit den rückläufigen oder stagnierenden Trend der Vorjahre nachhaltig korrigieren. Merck legte auf rund 1,2 Prozent zu, Bayer auf gut zwei Prozent. Betrachtet man die gesamte Gesundheitssparte von Bayer einschließlich der Sparte nicht-verschreibungspflichtiger Medikamente, liegt der Leverkusener Konzern sogar noch weiter vorn. Beide Unternehmen wachsen derzeit auch organisch etwas stärker als der Markt. Boehringer gewann seit 2003 aus eigener Kraft etwa 0,2 Prozentpunkte Marktanteile hinzu und rechnet auch für 2007 trotz eines wichtigen Patentablaufs mit überproportionalem Wachstum.
Auch in der Wertentwicklung haben die verbliebenen deutschen Pharmahersteller seit der letzten Wachstums-Analyse vor drei Jahren erheblich aufgeholt. Sie verbuchten im Schnitt eine deutlich bessere Performance als das Gros der Pharmabranche, liegen dabei aber mit ihrer Marktkapitalisierung hinter den Top-Akteuren der Industrie noch immer ein gutes Stück zurück. Mit einem Börsenwert von derzeit 42 Mrd. Euro bringt Bayer zum Beispiel weniger als halb soviel Gewicht auf die Waage wie Pfizer, Novartis oder Glaxo-Smithkline.
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Deutscher Arzneihersteller steigern Wert: Durchschnittliche Wachstumsraten 2002-2006. Grafik: Handelsblatt
Mittelfristig wird es für die Unternehmen nach Einschätzung von Branchenkennern wichtig sein, ihre Produktprogramme durch weitere Zukäufe zu verstärken. „Zunächst dürfte aber das Verdauen der Übernahmen im Vordergrund stehen“, sagt Schumacher.
Ein differenziertes Bild ergibt sich auch mit Blick auf den Standort Deutschland einschließlich der ausländischen Firmen. Als Pharma-Produktionsstandort bewerten die Experten von A.T. Kearney Deutschland unverändert positiv. Der Standort sei aufgrund vorhandener Ressourcen und eines hohen Ausbildungsniveaus weiterhin fester Bestandteil vieler globaler Produktionsnetzwerke und werde vor allem für innovative Produkte genutzt, erläutert Schumacher.
Schwieriger sieht es aus Sicht der Berater dagegen in der Forschung aus. Abgesehen von dem Roche-Standort im bayerischen Penzberg gebe es keine „Center of Excellence“ in Deutschland. Im Bereich der klinischen Studien verliert Deutschland nach Einschätzung von A.T. Kearney an Boden gegenüber Ländern in Osteuropa und Asien. Das deckt sich mit Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), nach denen die Zahl der angemeldeten klinischen Prüfungen seit 2004 um rund ein Viertel zurückgegangen ist.
Die deutschen Hochschulen können aus Sicht der Experten im internationalen Vergleich, insbesondere gegenüber den USA und Großbritannien, nach wie vor nicht mithalten. „Dieser Standortnachteil lässt sich trotz aller aktuellen Anstrengungen kurzfristig nicht beheben“, so Schumacher. Möglicherweise sei dies auch ein Grund dafür, dass deutsche Biotechfirmen noch immer kein eigenes Produkt zur Marktreife entwickeln konnten und daher von Investoren als hohes Risiko eingestuft würden.
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Konsolidierung: In vielen Branchen ist die Konsolidierung stark fortgeschritten und die Marktkonzentration hoch. Beispiel ist der Bergbau, in dem es zuletzt Mega-Fusionen gegeben hat.
Merger Endgames: Laut Untersuchungen von AT Kearney sind nur Unternehmen langfristig erfolgreich, die aktiv die Konsolidierung ihrer Industrie betreiben. Dem „Merger Endgames“-Modell zufolge folgt die Konsolidierung in jeder Industrie einem gleichen Muster, an dessen Ende eine hohe Konzentration steht.
- Öffnung: Industrien definieren sich, Standards werden gesetzt, der Konzentrationsgrad sinkt zunächst. So geschah es nach der Schaffung/Öffnung des Telekom-Marktes.
- Kumulation: Größe gewinnt an Bedeutung, erste Hauptakteure formen sich und kaufen zu. In dieser Phase sind laut AT Kearney derzeit die Branchen Medizintechnik und Automobilzulieferer.
- Fokussierung: Konzentration auf Kernkompetenzen nimmt zu, Randgeschäfte werden abgegeben. Die Branchen-Konzentration steigt. Beispiel ist die Nahrungsmittelindustrie.
- Balance: In dieser Phase bestimmen nur noch wenige Anbieter den Markt (Tabak).
Vier Phasen: Jede Branche durchläuft dem Modell zufolge vier Phasen:

