Deutsche Unternehmen in Russland: „Die Brücken nach Russland nicht abreißen“

Deutsche Unternehmen in Russland
„Die Brücken nach Russland nicht abreißen“

Der Handel mit Gas ist für Russland nicht nur ein einträgliches Geschäft, sondern auch ein Machtwerkzeug. Auch viele deutsche Unternehmen sind von den Rohstoffen abhängig – sie setzen jetzt auf Durchhalteparolen.
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DüsseldorfRussisches Erdgas ist ein essenzieller Bestandteil der europäischen Energieversorgung – und wird in der Krim-Krise zu einem großen Politikum. 35 Prozent des deutschen Bedarfs kommen aus russischen Gasfeldern, sechs EU-Staaten, darunter Bulgarien und Litauen, sind komplett vom russischen Erdgas abhängig. Für den Kreml, der 50 Prozent der Anteile am weltgrößten Energieversorger Gazprom hält, sind die Rohstoffe nicht nur ein einträgliches Geschäft, sondern auch ein politisches Druckmittel.

Eine Unterbrechung der russischen Gaslieferungen wäre eine der letzten Maßnahmen in der Spirale an Sanktionen, in die sich die EU und Russland womöglich begeben. Eine Entwicklung, an der sicher weder Lieferant noch Endkunde ein Interesse haben – schließlich füllen die Öl- und Gasexporte nach Europa die Staatskasse des Kremls. Rohstoffexporte machten im vergangenen Jahr rund 85 Prozent aller russischen Ausfuhren aus. Würden diese Einnahmen wegfallen, hätte das desaströse Auswirkungen auf die gesamte russische Wirtschaft. Aber auch deutsche Unternehmen würden unter einem Handelskonflikt leiden – und mahnen jetzt zu Besonnenheit.

Wegen der gegenseitigen Abhängigkeit hält es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel für wahrscheinlich, dass im Falle von Wirtschaftssanktionen der Öl- und Gasbereich ausgeklammert werden könnte. Der Westen könne zwar nicht tatenlos zusehen, er glaube aber, „dass das Thema Gas- und Ölversorgung am Ende eine allzu große Rolle spielt“.

Dennoch kühlt sich das politische Klima weiter ab – mit Folgen für europäische Energie- und Rohstoffunternehmen. So sagte etwa EU-Energiekommissar Günther Oettinger diese Woche in einem Interview: „Unsere Gespräche über Pipelines wie South Stream beschleunige ich derzeit nicht. Sie werden sich verzögern.“ Darauf ließ die Kommission Taten folgen: Gespräche über den Bau der 2.400 Kilometer langen Pipeline finden vorerst „angesichts der größeren Entwicklungen“ nur noch auf technischer und nicht mehr auf politischer Ebene statt.

Aus deutscher Sicht ist von dieser Entscheidung vor allem die BASF-Tochter Wintershall betroffen, die zusammen mit Gazprom und der italienischen Eni am Offshore-Bau der Pipeline quer durch das Schwarze Meer beteiligt ist. Doch anstatt im Russland-Geschäft abzuwarten, will der deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent die Zusammenarbeit vertiefen – und rührt die Werbetrommel für die Pipeline. „Die South Stream heißt für den Südosten der Europäischen Union Wohlstand und Versorgungssicherheit –  wirtschaftliche Stabilität. Um es deutlicher zu sagen: die South Stream ist jenseits aller Regulierungen der EU im Interesse der südosteuropäischen Staaten“, sagte Wintershall-Chef Rainer Seele.

Mit BP hat Wintershall einen neuen starken Partner gefunden. Die engsten Beziehungen unterhält die BASF-Tochter aber zum russischen Gazprom-Konzern – und das schon seit 20 Jahren. Daran werde auch die Krim-Krise nichts ändern, stellte Seele klar: „Wir haben eine starke Partnerschaft aufgebaut, die auch diese Krise meistern wird.“

Seele, der auch Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer ist, beobachtet die Entwicklung in der Ukraine und in den Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Russland mit Sorge: „Mit wirtschaftlichen Sanktionen ist keinem geholfen“, appellierte er, „Daher heißt es jetzt für uns: Brücken bauen, nicht Brücken abreißen. In Partnerschaften denken und nicht in Konflikten.“ Es gebe keine Alternative zum Dialog.

Seele sieht aber „keinerlei Auswirkungen auf unser Geschäft“: „Die Produktion in Russland läuft“, sagte er, „die Mengen werden produziert, transportiert, zu den Kunden geliefert und bezahlt.“

Wintershall ist wie kein zweiter westlicher Konzern von Gazprom in die Gasproduktion in Sibirien eingebunden worden. Die beiden Konzerne fördern bereits aus mehreren Feldern – und werden das noch ausbauen. Im Sommer soll ein umfangreiches Tauschgeschäft abgeschlossen sein, bei dem Gazprom die Kontrolle über die gemeinsame Handelsgesellschaft Wingas erhält und Wintershall zusätzliche Beteiligungen in Sibirien. „Wir produzieren gemeinsam, wir investieren gemeinsam und wir lernen gemeinsam“, sagte Seele.

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