Deutscher Maschinenbau: Zahnrad der Welt

Deutscher Maschinenbau
Zahnrad der Welt

Die deutsche Paradebranche schlechthin, der Maschinenbau, erlebt einen beispiellosen Boom. Länder wie Russland, China und Indien reißen den Herstellern die Maschinen aus den Händen. Zehntausende neuer Jobs entstehen hierzulande. Ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Ein Problem, das die Branche allerdings.
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So stellen sich 20-jährige Web-Millionäre den deutschen Maschinenbau vor: Lange, hohe Gänge, die Wände holzgetäfelt, auf halber Höhe im Treppenabsatz mit Blick auf den Eingang hängt ein Ölbild des Gründers. „Mein Urgroßvater“, sagt Carl Martin Welcker, der Unternehmenschef. Vier Generationen – bei den Buddenbrooks in Thomas Manns Roman reichte diese Zeit für den Abstieg des Unternehmens und der ganzen Familie.

Aber von Niedergang kann in der lang gestreckten Fabrik an den Rheinwiesen im Kölner Stadtteil Poll keine Rede sein. Schon im Kontor des Werkzeugmaschinenbauers Schütte verfliegt die Illusion der angehaltenen Zeit, sobald sich eine der dunkelbraunen Türen öffnet. Junge Leute sitzen vor Flachbildschirmen, telefonieren auf Englisch.

Erst recht beim Betreten der Maschinenhallen würde ein jugendlicher InternetStar merken, dass sich Überstunden auch anders zubringen lassen als mit Debatten über Exit-Strategien. Es ist kurz vor fünf Uhr nachmittags; normalerweise wäre bei Schütte Schicht. Doch an diesem düster-verregneten Dezembernachmittag sind hier noch allenthalben Facharbeiter und Ingenieure am Werk, fahren Testläufe auf soeben montierten Maschinen, justieren Werkzeuge und messen Teile nach. In diesen Hallen entscheidet ein Tausendstel Millimeter, ob ein Werkstück eingebaut wird oder auf den Schrott kommt.

High Tech statt Schmiedehammer – Überstunden statt Kurzarbeit. So sieht keine sterbende Branche aus. „Wir arbeiten zurzeit, so lang wir dürfen“, kommentiert Schütte-Chef Welcker den regen Betrieb, „die Kunden warten.“ In diesem Jahr ging der Auftragseingang der 600-Mann-Firma um „deutlich mehr als ein Drittel nach oben“. Bis zu zwölf Monate müssen sich die Kunden bis zur Lieferung ihrer Schleifmaschinen und Drehautomaten gedulden. Normal wäre die Hälfte der Zeit.

Doch was ist heute normal im deutschen Maschinenbau? Die Branche erlebt zurzeit den stärksten Boom seit Ende des Wiederaufbaus nach dem Krieg. „Seit vier Jahren geht es nun bergauf, und im kommenden Jahr wird sich daran nur wenig ändern“, sagt Hans-Günther Vieweg, Maschinenbau-Experte des Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut ifo. Die Schwerlastbranche mit ihren Turbinen, Fräsmaschinen-, Stahlpressen und Erzmühlen erlebt einen beispiellosen Aufschwung. Das Maschinenzeitalter scheint in Deutschland gerade erst richtig loszugehen. Von wegen Dienstleistungsgesellschaft, Web-2.0-Euphorie und Globalisierungsangst – es ist einen uralte Branche, die hierzulande Unternehmen mit mehrstelligen, sonst nur Web-Companies zugebilligten Wachstumsraten hervorbringt und Zehntausende neuer Jobs schafft. Und das nicht trotz, sondern gerade wegen des schier unaufhaltsamen Aufstiegs der Schwellenländer von Brasilien bis China. Alles, was den Wirtschaftsaufschwung dort antreibt, sind öltriefende Maschinen. Der deutsche Maschinenbau ist so etwas wie das zentrale Zahnrad im Motor der Weltwirtschaft.

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