Deutschlands Sargbauer
Langes Warten

Auch für große Sargbauer ist das Geschäft mit dem Tod kein Selbstläufer mehr. Die Hinterbliebenen schauen immer stärker auf den Preis und bestellen bei den ausländischen Billiganbietern. Deutsche Hersteller können da nicht mithalten.
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Vorsichtig beugt sich Gottlieb Derheim über den offenen Sarg, legt behutsam eine Einlage aus schimmerndem weißem Gewebe in den Holzschrein und befestigt dann deren Ränder sorgfältig am Sargrand. Derheim ist eigentlich Lkw-Fahrer und liefert die Särge zu den Großhändlern oder in die Zwischenlager. „Die innere Auskleidung des Sarges ist bei uns Sache der Fahrer", sagt der 43-Jährige.

Zehn Meter weiter bringt ein Mitarbeiter mit einer Maschine künstliche Holzkonturen an einen Sarg an. In Sekundenschnelle verwandelt der Handwerker die glatte Oberfläche des Sargdeckels mit dem Gerät, das auf den ersten Blick wie eine Schleifmaschine wirkt, in eine natürlich wirkende Fläche. Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass die Maserung unecht ist. Es ist laut in der Halle, und es riecht angenehm nach frischem Holz.

Willkommen beim Sargbauer Riebel. „Holzverarbeitung Riebel" steht verschämt über dem Eingang zur Betriebsverwaltung im Gewerbegebiet Kehl-Auenheim vor den Toren der elsässischen Metropole Straßburg. Hinter dem verniedlichenden Firmenschild erstrecken sich über 4 500 Quadratmeter die Produktionshallen. Tatsächlich ist Riebel mit einer Jahresproduktion von 16 000 Särgen neben Herstellern wie der Süddeutschen Sargfabrik Wurth aus dem badischen Kappel oder der Dürener Sargfabrik einer der größten Anbieter im deutschen Sarggeschäft - trotz der vergleichsweise kleinen Mannschaft von rund 40 Mitarbeitern.

„Wir haben die Abläufe optimiert, kein Brett oder Sarg macht in der Fertigung einen Umweg", sagt Bernd Riebel, Eigentümer und Geschäftsführer in der vierten Generation. Worüber die moderne Sargfertigung in Kehl hinwegtäuscht: Auch für große Sargbauer ist das Geschäft kein Selbstläufer mehr. Polnische oder rumänische Hersteller bieten Nadelholzsärge für Bestatter oder Großhändler schon für unter 100 Euro an. Särge für Feuerbestattungen gibt es schon ab 35 Euro. Deutsche Hersteller können da nicht mithalten. Sie verlangen etwa den doppelten Preis. Sargbau ist zumindest in den letzten Produktionsschritten mit Handarbeit verbunden. Über 30 Prozent des Umsatzes bei Riebel sind Personalkosten.

Was die deutschen Sargbauer zusätzlich unter Druck setzt: Die Hersteller aus dem Osten haben in der Qualität aufgeholt. Die unter deutschen Herstellern gern kolportierten Einzelfälle, bei denen während der Bestattungszeremonie der Sargboden ausriss und mit dem Toten zu Boden fiel, liegen lange zurück. „Die Hersteller aus dem Osten sind nicht schlechter als die Deutschen", sagt ein rheinischer Bestatter. „Bei den Ausländern ist vielleicht jeder zwölfte Sarg schadhaft, oder der Deckel passt nicht - aber die nehmen die Särge auf ihre Kosten zurück und liefern ganz schnell neue."

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