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12.11.2007 
Bau einer Gaspipeline

Die Angst vor der Röhre

von Patrick Mönnighoff

Werner Breuer leitet ein umstrittenes Projekt: Der gelernte Verfahrenstechniker des Chemieriesen Bayer ist für den Bau einer Gaspipeline durch Nordrhein-Westfalen verantwortlich – sehr zum Unmut der skeptischen Anwohner. Auf Werbetouren preist Breuer die Sicherheit der Pipeline und kämpft gegen das Misstrauen der Bürger. Eine Ortsbesichtigung.

Der Chemieriese Bayer plant den umstrittenen Bau einer 67 Kilometer langen Pipeline durch Nordrhein-Westfalen. Foto: dpaLupe

Der Chemieriese Bayer plant den umstrittenen Bau einer 67 Kilometer langen Pipeline durch Nordrhein-Westfalen. Foto: dpa

ERKRATH. Es ist ein richtiges Sauwetter. Unter dem grauen Novemberhimmel ziehen immer neue Regenschleier über den Marktplatz. Doch davon lässt sich Werner Breuer an diesem Samstagmittag nicht abschrecken. Schon seit Stunden steht er mit warmem, dunklem Blouson im Schutz von zwei Partyzelten und diskutiert mit Bürgern des Städtchens Erkrath bei Düsseldorf.

Der sympathische 55-Jährige versucht, gut Wetter zu machen für die umstrittene Gas-Pipeline, die sein Arbeitgeber Bayer fast quer durch die 50 000-Einwohner-Gemeinde führen will. Obwohl die Planungen für die Kohlenmonoxid-Leitung des Chemiekonzerns schon mehrere Jahre laufen, haben die Bürger Fragen über Fragen – Ängste und Sorgen. Breuer redet über die Sicherheit von Schweißnähten, über Notfallpläne und den Nutzen des Projekts, zeigt Modelle der Rohre und verteilt Broschüren.

Samstag für Samstag zieht er so mit Mitarbeitern und Zelten von Ort zu Ort entlang der Pipeline, die vom Werk Dormagen südlich von Düsseldorf über rund 67 Kilometer rechtsrheinisch bis zum Werk Krefeld-Uerdingen führen soll, und wirbt um Vertrauen. Breuer ist weder Werbestratege noch Pressesprecher des Konzerns: Er selbst leitet beim Chemieriesen das Pipeline-Projekt, das seit Wochen die Gemüter erhitzt.

Der gelernte Verfahrenstechniker scheint für den Konzern ein echter Glücksgriff zu sein: Die Krawatte hat er gegen einen einfachen Schal getauscht. Das Fachwissen verpackt er in leicht verständliche Worte. Und er hat stets ein neues Argument für seine Ansichten im Hinterkopf. Fast schon mit stoischer Ruhe versucht er, auch aufgebrachte Menschen von den Bayer-Plänen zu überzeugen.

Breuers Aufgabe ist alles andere als einfach. Denn der Streit über die Bayer-Pipeline ist gleich ein doppeltes Lehrstück. Es zeigt, wie schwer es für Industrieunternehmen geworden ist, Großinvestitionen im dicht besiedelten Deutschland durchzusetzen – und wie wichtig es für sie ist, frühzeitig und offensiv über alles zu informieren. Es zeigt aber auch, welches Misstrauen die Bürger mittlerweile Konzernen gegenüber hegen – und welche Möglichkeiten sie haben, die Pläne von Managern zu durchkreuzen. Protestbewegungen wie in Wackersdorf, Gorleben oder gegen die Startbahn West in Frankfurt haben die Bürger selbstbewusster gemacht.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Angst vor dem roten Tuch

Nun also ist Bayer an der Reihe

Und für viele Bürger ist schon das Transparent des Chemiekonzerns an Breuers Stand ein rotes Tuch. Sie haben nicht nur Angst vor dem gefährlichen Gas, sondern auch davor, dass die Häuser in unmittelbarer Nähe zur Pipeline an Wert verlieren.

Schon seit Monaten organisieren sich zahlreiche Anwohner daher in Initiativen, sammeln Unterschriften und fordern den sofortigen Bau-Stopp für die Pipeline. Ihre Argumente: Kohlenmonoxid ist zwar völlig farb-, geschmack- und geruchlos, allerdings schon in geringen Mengen tödlich. "Dass dieses Giftgas nur wenige Meter neben unseren Häusern durch die Erde strömen soll, können wir einfach nicht akzeptieren“, sagt Wolfgang Cüppers, Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft Erkrath, die seit rund einem halben Jahr gegen die Pipeline mobilmacht.

Die Rohrverbindung zwischen den beiden Bayer-Werken in Krefeld-Uerdingen und Dormagen macht zumindest wirtschaftlich durchaus Sinn: Während das Werk in Uerdingen Kohlenmonoxid (CO) dringend zur Produktion von Spezialkunststoffen für die Herstellung von CDs, Brillen oder Scheinwerfern benötigt, verfügt der Standort Dormagen über ausreichende Kapazitäten, um das Gas herzustellen.

"Die Pipeline ist notwendig“, sagt Werner Wenning, Vorstandschef von Bayer. "Für eine reibungslose Rohstoffversorgung unserer Produktion brauchen wir ein standortübergreifendes Verbundsystem.“ Außerdem soll die Gasröhre nach Konzernangaben Arbeitsplätze, Standorte und Steuereinnahmen sichern und so dem Allgemeinwohl dienen.

Aus diesen Gründen haben auch die Landesregierung und der Landtag von Nordrhein-Westfalen das Projekt abgesegnet. Obwohl sogar im Planfeststellungsbeschluss eine theoretische Gefährdung der Menschen nicht ausgeschlossen werden konnte, wurden die notwendigen Baugenehmigungen ebenfalls erteilt. Sämtliche Beschwerden gegen diesen Beschluss lehnte das Verwaltungsgericht im Eilverfahren ab.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Anwohner fürchten Wertverlust ihrer Immobilien.

Doch so schnell geben die Gegner nicht auf. Höhere Unternehmensgewinne lassen sie als Argument nicht gelten. Der Schutz von Arbeitsplätzen werde ohnehin nur vorgeschoben, behaupten sie.

"Ich habe bisher einer Nutzung meiner Grundstücke nicht zugestimmt und werde mich auch weiter wehren“, sagt daher auch Reinhart Zech, Land- und Forstwirt in Erkrath. Immerhin hat er schon einen Teilsieg gegen den Konzern erreicht. Bayer musste, weil die Bagger bereits auf seinem Land buddelten, sogar einen Teil der Bauarbeiten wieder rückgängig machen. Rückendeckung bekommen die Bürger von der Lokalpolitik. "Wir unterstützen nicht nur die privaten Kläger finanziell, sondern haben auch eigene rechtliche Schritte eingeleitet“, sagt Arno Werner, Bürgermeister von Erkrath. Über den Eilantrag gegen die Nutzung städtischer Grundstücke muss inzwischen schon die zweite Instanz, das Oberverwaltungsgericht in Münster, entscheiden.

Viele Anwohner machen sich aber mittlerweile nicht nur wegen der Gasgefahren Sorgen. Sie fürchten auch, dass durch den langanhaltenden Streit mit Bayer ihre Eigenheime immer weniger Wert sind. Denn die schwarzen Flaggen der Pipeline-Gegner entlang der Trasse, etliche Plakate über die "Giftgas-Pipeline“ und die ständige Rede von "Todeszonen“ drücken auf Dauer nicht nur auf die Stimmung im Ort, sondern auch auf Häuserpreise und Mieten.

"Ein Verkauf ist momentan so gut wie unmöglich“, heißt es. Immerhin haben die Gegner an einer der Hauptstraßen sogar eine Mahnwache aufgestellt. Rund 100 selbst gezimmerte Holzkreuze sollen die möglichen Opfer eines Unfalls symbolisieren. Der Boden ist gesäumt von ausgebrannten Grablichtern. Ein Plakat fordert "Tod dem CO“.

"Solange die endgültige Entscheidung aussteht, herrscht zumindest in direkter Nähe zu den Baustellen schon eine gewisse Vorsicht“, sagt auch Claudia Milde, ortsansässige Maklerin der Firma Immomilde.de. Langfristig sieht sie aber kaum negative Effekte. Der Immobilienverband IVD West ist da skeptischer: Der Bau der Pipeline könnte die Immobilienpreise um bis zu zehn Prozent sinken lassen, erklären die Experten und stützen sich auf vergleichbare Fälle. Wenn in der Nähe eines Hauses eine Windkraftanlage oder eine Mobilfunkantenne errichtet wird, dann gehe der Verkehrswert auch zurück.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: "Die Fronten sind verhärtet“

Bisher sind aber entlang der Pipeline-Trasse vor allem die Menschen betroffen, die ihr Haus aus persönlichen Gründen kurzfristig verkaufen müssen. Auf Entschädigungen von Bayer können sie kaum hoffen. "Dafür gibt es keine Grundlage. Ich kann verstehen, dass die Anwohner Sorgen haben“, sagt Konzernchef Wenning. "Deshalb informieren wir sehr intensiv über die Pipeline, um zu zeigen, dass sie sicher ist.“

Ihrem Frust machen die Betroffenen bisher zwar meist nur hinter verschlossenen Türen Luft. "Doch einige anonyme Drohungen haben wir bereits erhalten“, berichtet Cüppers, Chef der Interessengemeinschaft Erkrath. Und während zunächst immer nur auf Baustellen der Bayer-Pipeline randaliert wurde, haben vor wenigen Tagen zum ersten Mal Unbekannte die Mahnwache mit den Grabkreuzen verwüstet.

Die Fronten sind verhärtet. Zumindest bis die Gerichte ihre endgültige Entscheidung bekanntgeben. Das kann dauern. "Bis zu einem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts in Münster werden zwar nur einige Monate vergehen“, sagt Joachim Hagmann, Anwalt der Kanzlei Baumeister in Münster, welche die Stadt Erkrath vertritt. Doch damit wäre das Problem vorerst nur vertagt. Denn die Frage, ob das gesamte Projekt und der Planfeststellungsbeschluss überhaupt rechtmäßig sind, wird in einem separaten, regulären Verfahren verhandelt. Bis dieses abgeschlossen wird, können Jahre vergehen. "Notfalls muss sogar das Bundesverfassungsgericht eingreifen“, sagt Hagmann.

Ob die Bürger der Stadt den Konflikt so lange aushalten, ist fraglich. Auch für Bayer ist das ganze Verfahren nicht ohne Risiko. Bis die endgültige Gerichtsentscheidung fällt, buddelt der Konzern auf eigene Gefahr weiter. "Sollte der Planfeststellungsbeschluss tatsächlich gekippt werden, müsste das Unternehmen nicht nur die Arbeiten an oder mit der Pipeline stoppen, sondern die Rohre auch wieder entfernen“, sagt Hagmann.

Bei Bayer gibt man sich zuversichtlich: "Es muss nach meiner Überzeugung möglich sein, im Industrieland NRW eine solche Leitung zu bauen“, sagt Wenning. "Alle Verfahrensschritte entsprechen dem geltenden Recht – das hat das Verwaltungsgericht Düsseldorf inzwischen mehrfach bestätigt.“

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Das Image des Konzerns könnte leiden

Der mögliche finanzielle Schaden – Bayer kalkuliert mit Kosten von rund 50 Millionen Euro – ist jedoch nur ein Aspekt. Es geht auch um das Image des Konzerns. Denn die Pipeline verläuft durch zahlreiche Gemeinden, in denen nicht nur Mitarbeiter, sondern auch etliche potenzielle Kunden wohnen.

Bayer geht daher weiter in die Offensive. Projektleiter Werner Breuer zeigt Verständnis. "Wir versuchen, möglichst viele Menschen zu erreichen und ihre Sorgen und Ängste durch Aufklärung zu mildern“, sagt er. Dass das Unternehmen anfangs zu wenig über seine Pläne informiert hat, will er so nicht stehenlassen. Allerdings räumt er ein, er habe nicht mit einer derart ausufernden Diskussion gerechnet. Am Anfang hätten die Informationen des Konzerns sogar fast niemanden wirklich interessiert, sagt er. Zu einer der ersten Informationsveranstaltungen für die betroffenen Kommunen seien nur drei Vertreter der jeweiligen Städte erschienen.

Ob die PR-Offensive aber noch greift und das Bayer-Image in der Region wieder aufpolieren kann, muss sich noch zeigen. "Einige Bedenken konnte er schon lindern“, sagt zwar eine Bürgerin, nachdem sie mit Projektleiter Werner Breuer diskutiert hat. Aber die Pipeline hinter ihrem Garten, die will sie dennoch nicht.

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