Die IG Metall und das Kfz-Gewerbe
Keine Gefangenen

Ein Streik im öffentlichen Dienst ist gerade noch abgewendet, schon droht der nächste: In Nordrhein-Westfalen will die IG Metall Tausende KFZ-Werkstätten lahmlegen – mit nur ein paar Hundert Streikenden. Der Tarifstreit in der Branche schwelt bereits seit über einem Jahr.

KÖLN. Der Gang ist so schmal und so düster wie ein Tunnel unter Tage. Nur bestehen seine Wände nicht aus Fels, sondern aus Stahlregalen. 15 Meter hoch ragen sie, bis knapp unter die Decke der Wellblechhalle. Eines neben dem anderen. Jedes Regalfach, 100 000 an der Zahl, hütet ein anderes Originalteil für einen VW Golf, Passat oder Touran: von Zündkerze und Batterie bis hin zu Getriebe oder Motor. Am Ende des Tunnels haben Dieter Palm und seine Kollegen sogar ganze Karosserien einsortiert.

„Wir könnten hier ein komplettes Auto zusammenbauen“, sagt der 50-Jährige. Mehr als sein halbes Leben arbeitet Palm, braunes Haar, buschiger Schnauzbart, schon im KFZ-Zuliefergewerbe. 28 Jahre lang. Gestreikt jedoch hat der Betriebsratschef im Vertriebszentrum Köln der Volkswagen Original Teile Logistik (OTLG) noch nie – bislang.

Aber in diesem Tarifkonflikt ist Dieter Palm fest entschlossen, seine Arbeit niederzulegen. Über ein Jahr schon schwelt im bundesweiten KFZ-Gewerbe der Streit zwischen den Arbeitgebern und den 450 000 Beschäftigten. In Nordrhein-Westfalen sucht die IG Metall nun den Showdown, und Palm und die OTLG sollen eine Hauptrolle spielen.

Denn scheitert morgen die vierte Verhandlungsrunde zwischen der IG Metall und dem Verband des KFZ-Gewerbes NRW, der die Arbeitgeber vertritt, wird die Gewerkschaft kommende Woche Palm & Co. zur Urabstimmung bitten. Und das Ergebnis dürfte lauten: Wir streiken.

In einer von Tausenden mittelständischen Betrieben dominierten Branche hat es eine Gewerkschaft schwer. Wenn hier und da ein paar Schrauber streiken, lässt sich kein Druck machen. Es sei denn, die IG Metall attackiert die strategischen Schwachpunkte – zentrale Ersatzteillager. So können ein paar Hundert Streikende die ganze Branche lahmlegen. Nirgendwo geht das besser als in Nordrhein-Westfalen: Nicht nur gibt es dort viele Werkstätten, auch haben Hersteller wie Mercedes oder eben VW große Original-Teile-Zentren im bevölkerungsreichsten Bundesland angesiedelt. Die Auswirkungen eines Streiks wären hier besonders massiv.

Einen Warnstreik hatte die Gewerkschaft schon Mitte März inszeniert: Bei eisigem Wind und Regen, die Kapuzen der IG-Metall-Jacken tief im Gesicht, zogen Palm und Kollegen als „roter Tross“ durch Düsseldorf. Zum Aufheizen gab's Kartoffelpuffer und „Hells Bells“ von AC/DC. „I won't take no prisoners, won't spare no lives“, heißt es in dem Song. Wir machen keine Gefangenen.

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